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Mit schönem Ernst zeigt Wiebke Puls (Mi.) ihre Lady zwischen Ehegefängnis und ihrem Hoffnungsträger Val (Risto Kübar, liegend). Eingerahmt wird sie in dieser Szene von den beiden Dorfratschen Beulah (Annette Paulmann, li.) und Dolly (Angelika Krautzberger), im Hintergrund Tim Erny als Dog Hamma.

Ohne zwingenden Zugang

München - Zum Spielzeitstart an den Kammerspielen inszenierte Sebastian Nübling „Orpheus steigt herab“ von Tennessee Williams. Lesen Sie hier die Kritik!

Im schwarzen Bühnenraum des Münchner Schauspielhauses hängt ein nostalgisches Kettenkarussell – kopfüber. Was in Tennessee Williams’ Stück „Orpheus steigt herab“ Lady Torrances Sehnsucht nach dem Obstgarten ihres Vaters ist, erweist nun dem Oktoberfest eine nette Reverenz. Hübsch anzusehen, sympathisch (Bühne: Eva-Maria Bauer), aber zu dem Werk, das am Samstagabend an den Kammerspielen Premiere hatte, nicht wirklich passend. Das trifft ebenso auf die Inszenierung von Sebastian Nübling in vielen Teilen zu. Hatte er sich Williams’ Drama „Endstation Sehnsucht“ für dieses Theater pfiffig gelungen angeeignet – in einem schrägen Prekariatsmilieu –, suchte er jetzt doch sichtlich angestrengt nach einem Zugang.

Immerhin kann er sich sagen, dass schon die Uraufführung (1959) floppte, ja selbst die Verfilmung – deutsch: „Der Mann in der Schlangenhaut“ – mit den Stars Anna Magnani und Marlon Brando (Regie: Sidney Lumet) ein Misserfolg war. Nübling wagt es also und nimmt auch Williams’ Szenenanweisungen zur schrillen Verfremdung des ländlichen Südstaatenambientes und dessen Eingeborenen ernst. Herrlich der Start mit dem Auftritt der aufgetakelten, blondierten Dorfratschen Beulah und Dolly, die semi-obszön mit Luftballonen hantieren. Mit Genuss an ihren durch und durch heuchlerischen Figuren zeigen Annette Paulmann und Angelika Krautzberger – und Williams in seiner Exposition –, dass wir uns in einer adretten Welt befinden, die von der Menschenverachtung lebt: untereinander, aber insbesondere für Außenseiter, Fremde und am meisten für die „Nigger“. Als Symbol-Mischung aus Letzteren bleibt Christian Löber als meist stummer Onkel Pleasant – weiß geschminkt wie der Tod, aber mit schwarzer Nase – fast immer auf der Bühne.

Nübling ist sich der Grundkonstellation bewusst, kann sie allerdings inszenatorisch nur plump, aber nicht zwingend, bedrückend und überzeugend deutlich machen. So schickt er den allbekannten Dobermann als Droh-Hund los. Und tut dem braven Bühnen-Viecherl mit diesem Klischee sichtlich Unrecht. Dann treten die üblichen tumben Männertypen auf, die mal blöd daherreden, mal schlägern, Waffen schwenken oder das Motorrad aufheulen lassen. In den Schauspielern Tim Erny, Lasse Myhr und Jochen Noch sind sie indes so beängstigend wie ein streng blickender Teddybär. Das schwelende Feuer der Lynchjustiz, das „Orpheus steigt herab“ unter eine Glocke von Angst und Hass zwingt, kann der Regisseur in keiner Sekunde erzeugen. Obwohl solche Situationen immer – auch bei uns – aktuell und einfach nicht US-Südstaaten-„Folklore“ sind.

Da Nübling hier Probleme hat, kann er auch die Figur der Carol Cutrere nicht würdigen. Klar, Williams legt sie als Nervensäge an, die die anderen provozieren will. Sie jedoch ist die Einzige, die die Lage richtig eingeschätzt („das schleichende Massaker an der farbigen Mehrheit im County“) und sich politisch engagiert hat. Sylvana Krappatsch gibt mit ihrem überdreht-hilflosen Kreisch-Brüll-Spiel dieser eigentlich vielschichtigsten Persönlichkeit des Stücks dann den Todesstoß.

Im Kontrast dazu hat es Nübling gut getroffen mit Wiebke Puls als Lady, die einst als verwaistes, vom Geliebten verlassenes „Itaker“-Mädchen unwissentlich den Mörder ihres Vaters – auch eine Rassismus-Tat – geheiratet hat. Die Schauspielerin schildert mit schönem Ernst und spannend facettenreich diese Frau im Ehegefängnis, die hart und weich ist, verhärmt und lebensbejahend – und dem Tod trotzt, obwohl sie das ihr Leben kostet. Ihr Hoffnungsträger, wie der von Carol und der wackeren Visionärin Vee (kernig: Çidem Teke), ist der Barsänger Val (bei Williams Gitarrist) in seiner Schlangenhaut-Jacke. Bei dem estnischen Schauspieler Risto Kübar, der öfter singen darf, bekommt er nicht nur den Zauber des Fremden, sondern Kübar verschafft mit der Sprache seiner Tanztheater-lockeren Gliedmaßen diesem Mann etwas Märchenhaftes. Seltsam: Obwohl er zu einer Fabelwelt zu gehören scheint, darf er die poetischsten Textstellen nicht sprechen. Schade ist, dass die beiden Könner keinen Draht zueinander finden. Liebe und Erotik nimmt man ihnen nicht ab; kleine Rettung dabei ist eine schnittige Tanztheaterszene.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

am 6., 9. und 14. Oktober; Telefon 089/ 233 966 00.

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