Am Feierabend: Erst Arzteinsatz, dann Stau bei der S-Bahn 

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Ohrenbetäubende Ovationen

- 25 Monate, das ist zu lang fürs Berliner Publikum. Tags zuvor drängte es in die Generalprobe, im ersten Konzert dann empfing es den arg Vermissten mit Jubel, um ihm zweieinhalb Stunden später, als er allein und bescheiden auf der Bühne der Philharmonie stand, eine ohrenbetäubende Ovation entgegenbranden zu lassen. Der Ex-Chef ist als Gast zurück. Doch typisch Programmpolitik à` la Claudio Abbado: Die "Heimkehr" zu den Berliner Philharmonikern, die er zwölf Jahre geleitet hatte, begleiteten nicht angemessene Dur-Protzereien, sondern zwei Finsterlinge an der Schwelle einer neuen Zeit.

<P>November-Tristesse also im Scharoun-Bau. Und dass Frank Martins Vertonung der "Jedermann"-Monologe nicht unter der Last von Mahlers sechster Symphonie begraben wurden, lag an ihm: Thomas Quasthoff sang die sechs Stücke mit bewunderungswürdiger Klarheit, ergriff nicht durch aufgesetzte Dramatik, vielmehr durch die kluge, uneitle Exegese des Hofmannsthal'schen Textes. Eine Kunst, die man manchem Salzburger Domplatz-Zampano wünschen würde. </P><P>Konkurrenzlos bei Mahler</P><P>Doch während auf den Jedermann bei Hofmannsthal wenigstens die Möglichkeit göttlicher Gnade wartet, gähnt vor dem Individuum in Mahlers Sechster das Nichts. Natürlich kann  man  diese Symphonie ohne Ausweg unerbittlicher, fratzenhafter spielen, die Märsche noch maschinenhafter stampfen lassen. Doch schien es, als entdeckten Abbado und die Berliner hinter aller Brutalität noch einen Rest Hoffnung, vereinzelte Zeichen verborgener Zuversicht. Daher ließen sie das Opus nicht auf den Schluss mit seinen beiden Hammerschlägen zustürzen, sondern immer wieder wohllautende Elegien aufschimmern - seien sie auch noch so unwiederbringlich. </P><P>Dass Abbados Mahler-Deutungen konkurrenzlos sind, bewies auch dieser Abend. Aus einer souveränen Analyse heraus und in perfekter Balance stemmte er den Koloss, machte Vielschichtigkeit nachvollziehbar, als ob Mahler eine monumentale, maßlose Kammermusik geschaffen habe. Behutsam, mit flüssigen Tempi modellierte Abbado das Andante, zeichnete genau die Tempo-Verschiebungen im Scherzo, formulierte schließlich überdeutlich und trennscharf die Entwicklungslinien des Finales. Sichtbare Erschöpfung am Ende bei Abbado, manch Zuhörer wischte sich verstohlen die Augenwinkel. Kopfhoch: Nächstes Jahr kommt er wieder - mit den "himmlischen Freuden" von Mahlers Vierter. </P>Konzert im Deutschlandradio: 11. 6., 20.03 Uhr.<BR>

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