Mit Ohropax in der Sauna

- Exakt 21 Stufen steigt man hinab ins Kraftzentrum des Bayreuther Festspielhauses. In das, was Wagnerianer als "mystischen Abgrund" preisen und was dem Orchester im Sommer oft zur höllischen Sauna wird. Wer eine der beiden Eingangstüren passiert hat, ist zunächst erstaunt.

Denn vom Haus selbst sehen die Musiker wenig: Zwei Blenden, eine als Bühnen-Fortsetzung, die andere als Wölbung aus dem Parkett, blockieren die Sicht, nur auf wenigen Plätzen ist der Blick ins "Freie", an die Decke oder auf die gestaffelten Seitensäulen, überhaupt möglich.

Richard Wagner war da rigoros. Um seine einzigartige Akustik zu erzielen, sperrte er Musiker und Dirigent einfach weg. Doch die Blende, die sich über den Graben spannt und das Orchester für den Zuschauer unsichtbar macht, ermöglicht nicht nur den unvergleichlichen Mischklang, sondern auch Temperaturen, die sich Instrumentalisten und Pultstars woanders nicht bieten lassen würden.

35, 36 Grad sind in Sommern wie diesem keine Seltenheit. Was man dagegen tut? "Da macht man gar nichts", sagt Christian Thielemann, Dirigent des "Ring des Nibelungen". "Da denkt man nur: Du musst es hinter dich bringen. Und man sagt sich: Die großen Kollegen haben das auch alle geschafft, jetzt stell' dich nicht so an."

Immerhin hat Thielemann für eine Neuerung gesorgt: Gleich hinter dem Dirigentenpult wurde ein schwarzes Gerät montiert - eine zusätzliche Belüftung, die alles erträglicher machen soll. Eine richtige Klimaanlage sucht man im Bayreuther Weihetempel bekanntlich vergebens. Und im Graben gibt es aus der Zeit vor Thielemanns Extra-Gerät nur noch zwei geschlitzte Apparate. Aus dem einen dringt Luft von der kühleren Ostseite des Hauses, der andere saugt Verbrauchtes wieder ab.

Doch selbst an moderaten Sommertagen geraten die Musiker ins Dampfen. Davon kündet eine Digitalanzeige, die neben der Bühne hängt und noch eine halbe Stunde nach Beginn der zweiten "Siegfried"-Pause Respektables auflistet: Außentemperatur 24,3 Grad, Orchester 27,4, Zuschauerraum 27,2, im Balkon sogar 28 Grad.

Verständlich, dass da die männlichen Festspielgäste das Smoking-Sakko sofort ausziehen, die Damen auf Luftiges bis Schulterfreies vertrauen - und die Musiker unten im Graben noch radikaler vorgehen: Gespielt wird gern in T-Shirt und kurzen Hosen, Thielemann selbst wechselt, wie er verrät, nach jedem Akt die Montur. "Beim dritten Akt, wenn's so um acht kühler geworden ist, geht's etwas besser. Man muss einfach wissen, dass da was Monströses auf einen zukommt."

Und damit sind nicht allein die Temperaturen gemeint. Gewöhnlich herrscht nämlich im Graben drangvolle Enge. 124 Plätze auf 140 Quadratmetern, da bleibt für den einzelnen Musiker nicht viel übrig. Der Reiz, unter großen Dirigenten und vor allem an "geheiligtem Ort" zu spielen, treibt viele trotzdem hierher. Oder auch etwas anderes: "Man darf mal richtig loslegen als Blechbläser", sagt Alexander von Puttkamer, Tuba-Spieler beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und in gleicher Funktion auch in Bayreuth aktiv. "Normalerweise würde man alles platt machen, durch die besondere, dämpfende Akustik kann ich aber voll ausspielen."

Dass er dort unten abgeschnitten von der Außenwelt sitzt, macht von Puttkamer wenig aus. "Man fühlt sich nicht so gestresst." Sein BR-Kollege, Kontrabassist Teja Andresen, sieht das etwas anders: "Mir fehlt das Publikum schon, ich brauche das eigentlich beim Spielen. Deswegen bin ich ja schließlich auch zu einem Konzertorchester gegangen." Dennoch rühmt Andresen die "besondere Atmosphäre" im Graben, auch die vielen schönen Erlebnisse mit Sängern und Dirigenten außerhalb der Vorstellungen.

Sänger sind kaum zu verstehen

Das Festspielorchester rekrutiert sich aus Mitgliedern vieler Ensembles - eine Bayreuther Tradition. "Man muss sich schon erst zusammenfinden", sagt Andresen. "Die einen spielen auf Schlag, die anderen etwas dahinter, da darf der Dirigent einiges koordinieren." Neulinge müssen sich vor allem an die Akustik im Graben gewöhnen. Durch den Schalldeckel sind die Sänger kaum zu verstehen, Wagners Phonstärken können nicht sofort entweichen, Klangverzerrungen bis zum kaum erträglichem Radau sind die Folge. Was manche zu probatem Mitteln greifen lässt: Sie spielen einfach mit Ohropax.

Ungewohnt ist auch die besondere Staffelung des Grabens. Oben, auf er ersten Ebene, thront der Dirigent, darunter sitzen die Geigen, und ganz unten, auf Ebene sechs und im tiefsten Keller, Blech und Pauker. "Normalerweise kann ich mit einem kurzen Blick über die Noten den Dirigenten verfolgen", meint von Puttkamer. "Hier aber muss ich wirklich nach oben schauen. Was bedeutet: Ich muss vieles einfach auswendig spielen." Die ungewöhnliche Orchesteraufstellung, etwa die Teilung der Kontrabässe, von Wagner aus akustischen Gründen so erdacht, ist für die Spieler ebenfalls undankbar. Teja Andresen: "Ich höre von den Kollegen gar nix."

Wie also hält man den Laden zusammen und sorgt für ein akzeptables Ergebnis? "Das geht nur, wenn man oft draußen gesessen hat", erläutert Christian Thielemann. "Außerdem braucht man gute Assistenten, die einem alles sagen." Mit denen ist Thielemann während der Proben über einen heißen Draht ständig in Kontakt - neben dem Pult steht ein weißes Telefon. Und um sein Orchester zu schwebeleichtem Wagner-Spiel anzuhalten, wählt der Star schon mal ungewöhnliche Erziehungsmaßnahmen: Er erscheint mit Mendelssohn-Shirt zum Dienst.

An größere Pannen, gar an Kreislaufzusammenbrüche wegen der Hitze können sich die Graben-Musiker nicht erinnern. Nur an eine - in solchem Klima eigentlich willkommene - Dusche: Als im dritten Akt einer früheren "Lohengrin"-Aufführung ein Bassin auf der Bühne entleert wurde, schwappte das Wasser einmal nicht in die vorgesehene Öffnung, sondern in den Graben. Teja Andresen lachend: "Eine Sauerei, da musste ganz schön geputzt werden. Das mit der Abkühlung hatten wir uns eigentlich anders vorgestellt."

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