Ohrwürmer des ersten echten Stars

- Eines Tages, kurz vor einem Konzert, wurde Sting der bosnische Lautenvirtuose Edin Karamazov vorgestellt. Der fragte Sting, ob er das Lied "In darkness let me dwell" des Renaissance-Musikers John Dowland kenne. Sting verneinte, und Karamazov reagierte brüsk. Es sei das schönste Lied, das je in englischer Sprache geschrieben wurde.

Und dann schickte der Bosnier dem Weltstar noch die Empfehlung hinterher, die Lieder von Dowland einmal zu singen. "Da können Sie mal was lernen." Sting war nicht etwa beleidigt, sondern bat Karamazov, auf seiner Laute etwas von Dowland zu spielen. Der tat es, und Sting war gefesselt von der Musik. Bald kam ihm die Idee, mit Karamazov eine Dowland-Platte aufzunehmen. Vermutlich interpretierte Sting die Begegnung als Wink des Schicksals.

Sting, bürgerlich Gordon Sumner, hat sich kreativ in den letzten Jahren kaum entwickelt. Die großen Erfolge liegen schon länger zurück. Hatte er sich nach dem Auseinanderbrechen seiner Band "Police" auf den ersten Solo- Alben noch als versierter Grenzgänger zwischen den Genres präsentiert, hörten sich die letzten CDs alle geradezu verwechselbar an. Sting ist das wohl bewusst. "Fakt ist, dass wir derzeit am Ende des Pop stehen, der dauernd monotoner wird", erklärte er. "Der Rock liegt im Sterben."

Deswegen erscheint dem Mittfünfziger die Aussicht, sich mit den Wurzeln populärer Musik zu beschäftigen, als attraktive Alternative zur Frührente. Dowland war im 16. und 17. Jahrhundert der erste echte Musikstar. Sting und Karamazov haben sich hier für Purismus entschieden. Da gibt es keine modernistischen Arrangements oder Zugeständnisse an Hörgewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Und dafür ist man beiden zutiefst dankbar. Die Klagelieder, die gleichzeitig dissonant und einschmeichelnd sind, entfalten ihre Wirkung so am besten.

So bewegende Musik hat er noch nie aufgenommen

Stings markante Stimme, die wie geschaffen für die mitunter kantigen Melodienbögen ist, und das ebenso leidenschaftliche wie disziplinierte Spiel von Karamazov nimmt einen sofort gefangen. Manches wie "Come again" oder "Clear and Cloudy" hat auch aus der Distanz von rund 350 Jahren Ohrwurm- Qualität. Andere wie "In darkness let me dwell" geben ihre Schönheit erst beim zweiten oder dritten Hören preis. Aber die Mühe lohnt. So berückende, so bewegende, so aufrichtige Musik hat Sting noch nie aufgenommen. Auch ein Verdienst des bosnischen Sturkopfs Karamazov, wie Sting einräumte.

Sting:

"Songs from the Labyrinth"

Deutsche Grammophon

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