Spektakel zwischen Klosterleben und Manege: Regisseurin Valentina Simeonova bietet in Augsburg üppige szenische Kost. foto: Nik Schölzel

Premierenkritik: Ohrwürmer im Opernzirkus

Augsburg - Flucht nach vorn auf der Augsburger Freilichtbühne am Roten Tor: Bei Verdis "Troubadour" vernachlässigt die Regie die Handlung zugunsten von Verdis Ohrwürmern - zu Recht.

Egal wie oft an ihm herumgemäkelt wird, der anhaltenden Popularität von Giuseppe Verdis „Troubadour“ konnten auch die schärfsten Kritiker kaum etwas anhaben. Doch selbst wenn über die Ohrwurmqualitäten der Partitur seltene Einigkeit herrscht: Was die Handlung angeht, ist es tatsächlich besser, mindestens ein Auge zuzudrücken und nicht zu viele Fragen zu stellen. So wie es nun auch Regisseurin Valentina Simeonova tat, die auf der Augsburger Freilichtbühne am Roten Tor zur Flucht nach vorne bläst und das Drama in eine bunte Zirkusmanege verfrachtet. Schon vor der mit Feuerwerk und Konfettikanone garnierten Aufführung wird man da auf der Straße von jonglierenden Akrobaten, einem plüschigen Tanzbären und einer Giraffe in Empfang genommen, die das Publikum auf das kommende Spektakel einstimmen und später auch auf der Bühne permanent für Bewegung sorgen.

Kaum eine Nummer, die ohne begleitende Aktion auskommt. Sei es, dass die in den Arien verhandelte Vorgeschichte parallel von Statisten gedoubelt wird oder bei Leonoras Auftrittsarie ein ganzes Torero-Ballett einmarschiert, nach dem sich Florian Silbereisen und Carmen Nebel die Finger lecken dürften. All das hat unbestreitbar großen Schauwert. Nicht zuletzt dank der farbenprächtigen Kostüme von Okarina Peter und Timo Dentler. Gerade im ersten Teil wird das Geschehen aber oft zur massentauglichen Nummernrevue degradiert, bei der trotz üppiger Kost nur wenig Nährwert übrig bleibt. Ein Eindruck, der durch den weißen Clown (Thomas Kornack) verstärkt wird, der in Ermangelung von Übertiteln immer wieder kurz die Handlung rekapituliert und als Conférencier die nächste Sensation ankündigt. Nach der Pause tritt die Zirkusidee zum Glück immer mehr in den Hintergrund, wodurch die Inszenierung an Tiefenschärfe gewinnt. Auch weil Dirigent Kevin John Edusei nach einem beschwingten Einstieg die dramatische Schraube nun fester anzieht und die Sänger mit energischem Zugriff weiter anstachelt.

Unbestrittener Star des Abends, und das nicht nur in Azucenas Opernzirkus, ist dabei Sally du Randt, die als Leonora mit zart schwebenden Piani und einem vorbildlichen Legato aufwartet, das man beim raubeinigen Luna von Seung-Gi Jung und dem vibratösen Ferrando von Petar Naydenov nicht durchwegs antrifft. Kultivierter stemmt sich da der höhensichere Ji-Woon Kim durch den Manrico. Wobei er nicht nur neben du Randt souverän bestehen kann, sondern auch mit Kerstin Descher auf Augenhöhe agiert, die für die Azucena noch eine Spur zu jung erscheint, aber dank starker Bühnenpräsenz dennoch all ihre Trümpfe sicher auszuspielen versteht.

Tobias Hell

Nächste Aufführungen:

heute, 5., 9., 13., 15., 17., 19., 22., 24., 26., 28. und 30.7.;

Telefon 0821 / 324 49 00.

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