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Oksana Lyniv über den Krieg gegen die Ukraine: „Keiner zerstört unseren Traum“

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Von: Markus Thiel

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Oksana Lyniv
„Die Welt hat zu lange mit Putin gespielt“: Oksana Lyniv wurde im ukrainischen Brody geboren, studierte und dirigierte in Lemberg, bevor sie in den Westen ging. © Serhiy Horobets

Nur wenige Stunden, nachdem sie Antonín Dvořáks Requiem dirigierte, das mit der Friedensbitte „Dona nobis pacem“ endet, griffen Putins Armeen ihre ukrainische Heimat Ukraine an. Seitdem lebt Oksana Lyniv in einem permanenten, nahezu schlaflosen Alarmzustand. Die 44-Jährige hält Kontakt zu ihren Verwandten, postet in den Sozialen Netzwerken Videos und Bilder und steht dennoch weiterhin am Pult – wie an diesem Wochenende in Bologna, wo sie Chefdirigentin am Teatro Communale ist.

Wie geht es Ihren Eltern?

Niemand kann dort eigentlich gerade sagen, wie es ihm genau geht. Es gibt in meinem Land eine Totalmobilmachung. Alle zwischen 18 und 60 müssen zum Militär. Meine Eltern sind über dieser Grenze, meine Schwiegereltern sind aber noch nicht so alt. Man ist nirgendwo sicher, auch in meiner Heimatstadt Lemberg wird vor Luftangriffen gewarnt. Die Schwiegereltern versuchen nun irgendwie, aus Odessa zu meinen Eltern in die West-Ukraine zu kommen. Das ist sehr schwierig, weil es überall Straßensperren und Staus gibt.

Hätten Sie diese Entwicklung, diesen Angriffskrieg erwartet? Die westlichen Staaten haben ja lange auf Dialog gesetzt und die Hoffnung nicht aufgegeben.

Ich habe befürchtet, dass Europa und die Welt zu lange mit Putin spielen. Um nicht zu sagen: mit ihm kokettieren. „Die Welt macht sich Sorgen über die russische Politik“, hieß es immer. Seit der Annexion der Krim. Wir in der Ukraine können das nicht mehr hören. Nun schauen alle ins Internet. Und das hat auch etwas Zynisches: Der Online-Krieg tut ja nicht weh. Alle schauen sich in den Sozialen Netzwerken Bilder und Videos an. Was angegriffen wird, wie viele Menschen flüchten, wie sie sich verstecken vor den Bomben in unterirdischen Räumen. Und dann hieß und heißt es „Ukraine-Krise“. Aber das ist ein Krieg! Eine absichtliche, lang geplante Aktion.

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hat sich in ihrer Rede an Putin gewandt mit den Worten „Diesen Traum werden Sie niemals zerstören“. Sie meinte die Demokratiebewegung in der Ukraine, aber auch in Russland. Hat sie recht?

Natürlich wird und kann dieser Traum nicht zerstört werden. Die Menschen in der Ukraine werden niemals eine solche Polizei-Diktatur akzeptieren, wie sie Putin in Russland errichtet hat. Noch etwas: Wissen Sie, wie wenige Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich schon auf der Bühne stand, sich zu der Situation geäußert haben? Nicht mal eine Handvoll.

Vermissen Sie Solidarität?

Es geht nicht um Solidarität. Viele schreiben mir, es sei ihnen peinlich, sie seien hilflos. Ich habe mit dem russischen Regisseur Dmitri Tcherniakov telefoniert. Er schickte mir ein wunderbares Statement. Das Bitterste sei, so schreibt er, dass diese Feindschaft zwischen beiden Ländern seit vielen, vielen Jahren nicht ausgelöscht werden konnte. Beide Länder könnten nun nicht mehr zu einem normalen Verhältnis zueinander finden, weil eine rote Linie überschritten worden sei. Die Ukraine sei ein souveränes Land, das selbst entscheiden dürfe, wohin sie sich wendet und wozu sie sich bekennt.

Nun wurden bereits Sanktionen beschlossen. Tut der Westen zu wenig?

Natürlich ist das zu wenig. Der ukrainische Luftraum sollte geschützt werden. Unsere Armee verteidigt zwar die Grenzen. Aber die Luftangriffe sind ja viel schwerer zu kontrollieren. Ganze Städte werden zerstört!

Sie haben sich zum Thema Valery Gergiev, dem dirigierenden Putin-Freund, geäußert…

…Kunst ist keine reine Unterhaltung. Sie ist aus tiefster Empfindung und der Suche nach Humanität entstanden und um unserem Leben Sinn zu verleihen. Sie hat immer dazu gedient, die Menschen voranzubringen und, ja, auch zu erziehen. Sie ist dazu da, um die Menschheit besser zu machen. Dieses Welterbe darf man also nicht trennen von unserem Leben. Die Kunst ist nichts Abstraktes. Sie hat auch damit zu tun, was wir in diesem Augenblick erleben. Ich meine damit keinesfalls, dass Gergiev ein schlechter Dirigent ist. Aber jetzt kann man nicht mehr alles so kaschieren nach dem Motto „Ach ja, er kennt Putin ganz gut“. Jetzt, wo es um Leben und Tod geht, um die grundlose Vernichtung einer Nation, muss man sich zu diesem Thema ganz anders verhalten. Wir in der Ukraine haben eine so reiche Kultur. Und das strahlt schon längst aus auf andere Länder. Wenn ich in London dirigiere, treffe ich dort zum Beispiel auf ehemalige Mitglieder meines Ukrainischen Jugendsymphonieorchesters. Diesen Menschen öffnet sich die ganze Welt, dank der Kultur. Kleine Kinder bei uns sprechen Englisch besser als Russisch.

Wie geht es für Sie die nächsten Tage und Wochen weiter?

Vom Kriegsausbruch habe ich in Wien erfahren, ein paar Stunden, nachdem ich Dvořáks Requiem dirigiert habe. Gerade bin ich in Bologna, da habe ich an diesem Samstag Konzert. Da spielen wir auch ein Stück eines ukrainischen Komponisten. Ich werde vorher zum Publikum sprechen. Danach fahre ich zurück nach Deutschland in meine Wohnung. Ich kann schlecht mit Worten erklären, wie es mir geht. Man kann eigentlich nicht schlafen. Man ist so erschüttert von dem, was man sieht und erfährt. Orchester und Festivals fragen mich gerade ständig, welche Stücke von ukrainischen Komponisten man aufführen könnte. Vladimir Jurowski hat sich sofort gemeldet, auch Kirill Petrenko. Alle sind schockiert. Und ich bin es eben auch.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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