Das Oktoberfest ist ein Ventil

- Mit Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" eröffnet morgen das Münchner Volkstheater die diesjährige Bühnensaison. Inszeniert hat das Stück der 27-jährige Hamburger Florian Fiedler, der mit "Nieder Bayern" nach Martin Sperr im letzten Jahr einen Erfolg feiern konnte. Dafür und für seine Frankfurter "Lolita" wurde er jetzt zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt.

<P>Nach Martin Sperr inszenieren Sie jetzt Horváth, erneut ein Volksstück am Volkstheater. Das sieht nach Konzept aus.<BR><BR>Fiedler: Das ist im Grunde mein eigenes Konzept. Es ist reizvoll, gerade an diesem Haus Volksstücke zu machen, mich mit dem Begriff "Volkstheater" auseinander zu setzen. "Kasimir und Karoline" ist hier besonders interessant, weil es in München spielt, aber "Nieder Bayern" entsprach für mich noch mehr dem Volkstheaterklassiker. Dessen heutige Wirkung wollte ich überprüfen.<BR><BR>"Die Wiesnbraut denkt nicht an den Tod."<BR>Ödön von Horváth<BR><BR>"Kasimir und Karoline" ist also weniger Volksstück als "Nieder Bayern".</P><P>Fiedler: Es gibt schon erhebliche Unterschiede. Die Sprache ist eine völlig andere. Die Konflikte bei "Nieder Bayern" sind härter, bei Horváth sind sie sehr viel feiner und innerlicher. Seine Figuren sind auch keine Bauern, sondern Angestellte und Emporkömmlinge. Es war bestimmt nicht falsch von Horváth, es als Volksstück zu bezeichnen, aber ich finde, dass es einen anderen Charakter hat.<BR><BR>Was kann man denn von der Inszenierung erwarten?<BR><BR>Fiedler: Die Eingriffe werden viel schwächer sein, als das bei "Nieder Bayern" der Fall war. Wir haben keine einzige wesentliche Figur gestrichen, nur zum Ende hin verzettelt sich das Stück etwas, das mussten wir verdichten. Insgesamt sind wir sehr nahe an der Struktur der Vorlage. Extra eingebaut haben wir die Schlägerei, obwohl sie bei Horváth nur erzählt wird.<BR><BR>Wie gehen Sie mit dem Ort des Stückes, dem Oktoberfest, um?<BR><BR>Fiedler: Ich denke, dass das Oktoberfest von Horváth sehr klug gewählt wurde, damit haben wir uns auch lange beschäftigt. Die Wiesn ist ein Ort des Rausches, an dem man versucht, seine Einsamkeit zu überwinden und vielleicht - etwas pathetisch gesagt - den Tod zu vergessen. Ein Ort, der ein klassenloser sein soll, wo de facto Geld und Unterschiede im Reichtum aber eine sehr große Rolle spielen. Auch das Triebhafte des Oktoberfestes war uns wichtig. "Die Menschen sind eben wilde Tiere", ist ja ein Satz aus dem Stück. Das sind alles Dinge, die zu diesem Ort gehören. Das Oktoberfest ist ein Ventil, dort darf man Sachen machen, die sonst nicht erlaubt sind. Man darf Frauen angrapschen, darf saufen, bis der Arzt kommt. Deshalb ist mir dieser Hintergrund für die Inszenierung wichtig.<BR><BR>Werden Sie versuchen, eine Oktoberfeststimmung zu beschwören?<BR><BR>Fiedler: Ich glaube nicht, dass das auf der Bühne funktioniert. Wir wollen stattdessen die Sehnsucht dahinter erzählen. Man ist zwar von 10 000 Menschen umgeben, in diesem Bierdunst, aber gleichzeitig ist man wahnsinnig traurig. Ich denke, es wird eine recht traurige Inszenierung werden. Es gibt von Horváth den Satz: "Die Wiesnbraut denkt nicht an den Tod." Wir wollen, dass man bei der Aufführung trotzdem an den Tod denkt. Dieser Ort beeinflusst ja auch die Liebesgeschichte, in die auf sehr dezente Weise gesellschaftliche und politische Faktoren hineinspielen. Wenn diese Dinge im Theater zusammenkommen, ist das ein echter Glücksfall.</P><P>Das Gespräch führte Ralf Heußinger<BR></P>

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