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Okwui Enwezor leitete von 2011 bis 2018 das Haus der Kunst in München.

NACHRUF

Welt- und Augen-Öffner: Trauer um Okwui Enwezor

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Sieben Jahre lang stand Okwui Enwezor an der Spitze des Hauses der Kunst in München. Jetzt hat er im Alter von 55 Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren. Ein Nachruf.

München - Die Welt wahrnehmen. Entdeckungen machen. Klischees abservieren. All das ist das große Verdienst von Okwui Enwezor, Theoretiker, Ausstellungsmacher und von 2011 bis 2018 Chef des Münchner Hauses der Kunst. Am Freitag ist der Intellektuelle an seiner langen, schweren Krankheit im Alter von 55 Jahren in München gestorben.

Wir Münchner begegneten dem Welt- und Augen-Öffner bereits im Frühling 2001, ein Jahr vor der Kasseler Documenta 11, die er zu verantworten hatte. Jo-Anne Birnie Danzker, damals Direktorin der Villa Stuck, hatte ihn für die Ausstellung „Das kurze Jahrhundert – Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen in Afrika 1945-1994“ nach München geholt. Dieser Auftritt machte klar, dass der gebürtige Nigerianer Kunst nicht ohne Kontext, also Geschichte, Politik und Gesellschaftsstruktur, erleben konnte. Außerdem wurde deutlich, dass er mit jeder Gehirnzelle und jeder Faser seines Herzens durchsetzen wollte, dass wir sogenannten Westler endlich die anderen Regionen des Globus respektvoll zur Kenntnis nehmen. In einem Gespräch mit unserer Zeitung betonte Enwezor in Bezug auf Kunst: „Es gibt keine Einbahnstraße. Es geht nicht um Gegnerschaft, nicht um Aufsaugen oder eine Opferrolle. Beide Seiten profitieren.“ Deswegen verzahnte Enwezor in seinem Schaffen als Kurator systematisch die künstlerische mit der gesellschaftspolitischen Ebene.

Pädagogischer Furor und enorme Sammelwut

Das war so bei den Großprojekten Documenta (2002) und Biennale (2015) und natürlich bei seinen persönlichsten Ausstellungen im Haus der Kunst, in das er 2011 zum künstlerischen Leiter und Nachfolger von Chris Dercon berufen worden war. 2013 demonstrierte Okwui Enwezor seine Haltung mit der Schau „Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens“. Ähnlich wie bei „Das kurze Jahrhundert“ trat auch  hier  sein pädagogischer Furor zutage – und eine enorme Sammelwut. Beides war dem Wissenschaftler in Okwui Enwezor geschuldet, machte aber klug und menschenfreundlich gestaltete Präsentationen meist unmöglich. So erging es ebenfalls Enwezors Herzensprojekt „Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945 bis 1965“ (2016/17), das er voller Leidenschaft vom Krankenbett aus befeuerte. Er wollte „die Nachkriegsmoderne neu kartieren“, wie er sagte. Die Verquickung von Geschichte und Kunst wollte der Welten-Sammler mit „Postkolonialismus“ und „Postkommunismus“ weitertreiben. Das ist ihm nun durch seinen frühen Tod verwehrt worden.

Okwui Enwezor wurde am 23. Oktober 1963 in Calabar in Nigeria geboren. 1983, er wohnte bereits in New York, begann er am New Jersey City State College Politologie zu studieren und machte seinen Bachelor. Ab 1994 gab er mit Freunden das „Journal of Contemporary African Art“ heraus, das den verengten Kunstblick weiten sollte. Enwezor wurde daraufhin als Kurator für diverse Präsentationen aktueller Kunst engagiert. Er verantwortete 1996 die zweite Kunstbiennale in Johannesburg. 1998 wurde er zum Leiter der Documenta 11 berufen, die 2002 stattfand. 2006 betreute er die Biennale in Sevilla, 2007 die in Südkorea, 2012 La Triennale in Paris und 2015 – schon als Direktor am Münchner Haus der Kunst – die Biennale in Venedig. Enwezor war außerdem immer wieder in der Lehre tätig – in den USA und Schweden.

Forschung über die NS-Vergangenheit seines Hauses

Bei all dem Projekt-Hopping hätte man meinen können, dass Okwui Enwezor in München einen Ruhepunkt, ja eine Heimat finden würde. Das war dem Ruhelosen nicht beschieden. Ein Gefühl für die Stadtgesellschaft konnte sich nicht entwickeln – und das bei jemandem, den gesellschaftliche Strukturen stets beschäftigten. Das mag ein Grund gewesen sein, dass die Expositionen im Haus der Kunst nie wirklich die Neugierde und Herzen der Münchner erreicht haben. Selbst die mächtige Matthew-Barney-Schau „River of Fundament“ (2014) war eher ein Szene-„Event“.

Allerdings griff Okwui Enwezor die NS-Geschichte der Ausstellungshalle in einer sehr guten Präsentation 2012 auf und ließ auch weiterhin konsequent über das Haus in dieser Zeit forschen. Er begleitete außerdem mit seinen Ideen die Sanierungspläne, die immer noch in weiter Ferne liegen. Das zur Hälfte leer stehende Gebäude soll ja komplett bespielt werden. Die Trägheit und womöglich Schlamperei des Bayerischen Kunstministeriums unter den Ministern Wolfgang Heubisch und Ludwig Spaenle brachten Enwezor nicht nur die Bauverzögerung, sondern auch einen Skandal ein. Im Haus der Kunst wurden (auch von Enwezor) zu lange Scientologen auf einflussreichen Posten und finanzielle Unregelmäßigkeiten geduldet; es gab Mobbing und sexuelle Übergriffe. Im Juni 2018 schied der Kurator aus gesundheitlichen Gründen aus – und im Groll. Wie gut, dass er mit der gerade eröffneten, wunderschönen Schau „El Anatsui. Triumphant Scale“ München zum Abschied versöhnlich gegrüßt hat. All das wird indes aus dem Gedächtnis der Kunstgeschichte verschwinden. Bleiben wird Okwui Enwezor als Kurator, der am erfolgreichsten die Kunst der ganzen Welt in berühmte Ausstellungsereignisse einbrachte.

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