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Experte für modische Raffinesse: Lars Eidinger als Ingo.

Interview mit Olivier Assayas zu „Personal Shopper“

Im Reich von Mode und Magie

Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama „Die Wolken von Sils Maria“ war ein Kritiker- und Publikumserfolg. Für seinen Gruselfilm „Personal Shopper“, der am Donnerstag anläuft, gewann er den Regiepreis in Cannes. In unserem Gespräch beim Zurich Film Festival verblüffte der 61-Jährige mit außergewöhnlichen Antworten.

Wie kamen Sie dazu, eine Geistergeschichte zu erzählen?

Olivier Assayas: Eigentlich wollte ich mit Robert De Niro und Robert Pattinson in Kanada den Mafiathriller „Idol’s Eye“ drehen, für den ich jahrelang recherchiert und den ich seit Monaten vorbereitet hatte. Aber 24 Stunden vor Drehbeginn sprang unser Finanzier ab, ein Psychopath aus den USA, sozusagen ein „American Psycho“. Von einem Tag auf den anderen stand ich mit leeren Händen da – und mit dem Rücken zur Wand.

Der ideale Ausgangspunkt für einen Gruselfilm?

Olivier Assayas: Für mich die ideale Basis für kreative Arbeit. Ich brauche das Risiko, das Gefühl der Angst. Ich muss ein neues Projekt so anfangen, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das hinkriegen soll. Schon lange wollte ich mal etwas Übersinnliches in einen Film einbauen, hatte mich aber noch nie getraut. Mir schwebte vor, das Reich der Spiritualität mit einer besonders oberflächlichen, materialistischen Realität zu konfrontieren: mit der Modewelt. Da kenne ich mich ein bisschen aus, denn meine Mutter war Model und Modedesignerin.

„Personal Shopper“ ist schon Ihr zweiter Film mit Kristen Stewart.

Olivier Assayas: Ja, aber „Die Wolken von Sils Maria“ war ganz auf Juliette Binoche zugeschnitten. Kristens wahre Fähigkeiten habe ich damals erst am Set entdeckt. Im Nachhinein habe ich mich geärgert, dass ich ihre Filmfigur so eindimensional angelegt hatte. Deshalb wollte ich ihr nun etwas Facettenreicheres auf den Leib schreiben. Dabei wusste ich natürlich noch nicht, ob sie die Rolle überhaupt annehmen würde.

War es schwer, sie zu überreden?

Olivier Assayas: Nein, als sie das Drehbuch las, war sie sofort Feuer und Flamme. Sie hatte bloß nicht sofort Zeit für mich, weil sie sich schon für zwei andere Filme verpflichtet hatte, einen mit Ang Lee und einen mit Woody Allen. Ich musste also erst monatelang Däumchen drehen, bevor ich mit ihr drehen konnte.

Wie arbeiten Sie mit Ihren Darstellern, etwa Lars Eidinger? Proben Sie intensiv? Geben Sie detaillierte Regieanweisungen?

Olivier Assayas: Nein. Ich arbeite überhaupt nicht mit meinen Schauspielern. Ich gebe ihnen das Drehbuch und rede so wenig wie möglich mit ihnen darüber. Wenn mir jemand unbedingt eine Frage stellen will, dann versuche ich, sie zu beantworten. Aber eigentlich brauche ich solche Gespräche nicht.

Brauchen das die Akteure nicht manchmal?

Olivier Assayas: Mag sein. Aber dann fange ich an, mir Sorgen zu machen. Ich möchte, dass die Schauspieler ihre eigenen Ideen einbringen und einen persönlichen Zugang zu ihrer Filmfigur finden. Sie sollen sich nicht an meine Vision anpassen. Ich greife nur ein, wenn etwas total aus dem Ruder läuft. Doch meistens verstehen die Akteure ihre Figur sehr gut. Ihre Sichtweise ist oft viel aufregender als das, was ich mir vorgestellt habe.

Gab es Fälle, in denen ein Darsteller Ihrer Vision völlig zuwiderlief?

Olivier Assayas: Ich war überzeugt, Robert De Niro wäre der Richtige für die Rolle des Mafiabosses in dem erwähnten Krimi „Idol’s Eye“. Doch seine Arbeitsweise ist der meinen diametral entgegengesetzt. Er ist ein absoluter Kontrollfreak, während für mich Kontrolle das Langweiligste ist, was es gibt – am Filmset wie im Leben. Ich musste zahllose stundenlange Diskussionen über die Hosenlänge oder den Stoff seines Anzugs ertragen. Er hatte einen Haufen Assistenten, von denen einer nur für De Niros Krawatte zuständig war und mich ständig mit neuen Änderungsvorschlägen nervte.

De Niro ist auch berüchtigt dafür, sämtliche Dialoge umzuschreiben.

Olivier Assayas

Olivier Assayas: Stimmt. Unzählige Male! Ich hatte selbst schon ausgiebig recherchiert, aber er wollte sich unbedingt noch mit einem echten Mafioso treffen – nur nicht mit dem, den ich ihm vorschlug. Stattdessen schleppte er einen Typen an, der eher wie eine Mafioso-Karikatur wirkte und, wie ich fand, bloß einen Haufen Müll schwafelte. Nach wochenlanger Dialogfeilerei mit dem Kerl meinte De Niro plötzlich, er wäre nicht zufrieden und wolle lieber noch mit einem anderen Mafioso arbeiten – und zwar mit dem Mann, den ich ursprünglich vorgeschlagen hatte. Also schrieben wir das ganze Drehbuch wieder um, jeden einzelnen Satz. De Niro braucht einfach diesen Arbeitsprozess. Und ich muss zugeben: Das Resultat war letztlich exzellent.

Glauben Sie denn, dass Sie diesen Film noch irgendwann drehen werden?

Olivier Assayas: Vielleicht. Aber wenn, dann wohl mit einem anderen Hauptdarsteller! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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