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Olivier Dejours schrieb ein Melodrom auf Marcs Briefe, das 2014 uraufgeführt wurde.

Interview

„Ich möchte mit seinen Bildern träumen“

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München - Der Franzose Olivier Dejours hat Franz Marcs Briefe von der Front vertont, im Münchner Literaturhaus führt er sie auf.

Es ist ein aufschlussreiches Vermächtnis: die Briefe, die Franz Marc, Münchner Maler und Mitbegründer der Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“, zwischen 1914 und 1916 an seine Frau Maria schrieb – direkt von der französischen Front, wo er auf einem Erkundungsritt am 4. März 1916, erst 36 Jahre alt, bei Verdun fiel. Dank Olivier Dejours (mit einer Komposition für Klavier, gespielt von Michèle Scharapan) und Élisabeth de Fontenay (Text) erlebten diese 1920 veröffentlichten „Briefe aus dem Feld“ 2014 in der Cité de la Musique in Paris ihr Bühnendebüt: als Melodram unter dem Titel „Le chant du cavalier bleu“. Und dieses „Lied des Blauen Reiters“ präsentieren anlässlich des Franz Marc.Gedenkjahres das Kocheler Franz Marc Museum und das Institut Français am 18. Februar im Münchner Literaturhaus.

Man stutzt schon ein wenig: Marcs Mutter stammt zwar aus Lothringen, er selbst sprach fließend Französisch und bewunderte Maler wie Paul Gauguin und Robert Delaunay. Aber er kämpfte überzeugt gegen Frankreich. Und Sie, ein Franzose, komponieren eine Franz-Marc-Hommage?

Es war Élisabeth de Fontenay, mit der ich bereits zuvor zusammengearbeitet hatte, die durch ihre Recherche „Le silence des bêtes“ (das Schweigen der Tiere) auf Franz Marc gestoßen war. Sie ist ja Philosophin und war fasziniert von Marcs Idee, die Tiere nicht als „Betrachter von außen“ zu malen, sondern sich mit einer großen Empathie in sie hineinzuversetzen. Mir war Marc vorher nur als Name begegnet im Zusammenhang mit Wassily Kandinsky und dem gemeinsam herausgegebenen Almanach „Der Blaue Reiter“. Ich glaube auch, dass man bei uns seine Bilder eher als Postkartenmotive kennt und nicht unbedingt den Maler Franz Marc selbst. Für mich war er jedenfalls eine lebenswichtige Entdeckung.

Im Theater gilt das Melodram als verbürgerlichte Variante der höfischen Tragödie, als Rührstück. Das musikalische Melodram, das, wie Ihr Œuvre zeigt, ein von Ihnen bevorzugtes Genre ist, beinhaltet aber etwas anderes...

Ja, dieses Zusammentreffen, diese für mich fast verstörende Konfrontation von Musik und Sprache, interessiert mich sehr. Im „mélodrame“ wechseln sich gesprochener Text und Instrumentalmusik ab oder überlagern sich – dies aber als völlig eigenständige Laut- beziehungsweise Ausdrucksmittel. Ein Beispiel wäre Arnold Schönbergs Melodram „Pierrot lunaire“, das mich auch inspiriert hat. Nur ist bei mir die Sprache noch unabhängiger von der Musik. Das Wort wird bei uns nicht musikalisiert oder, wie die Rezitative in der Oper, rhythmisiert – mit ganz wenigen Ausnahmen. Und der Wortinhalt wird nicht mit der Musik nacherzählt.

Marc war ja, wie die Feldbriefe mehr als deutlich machen, aus Überzeugung und mit Leidenschaft Soldat, traute Deutschland den Sieg und die Führungsrolle in der Zukunft zu. Er verstand überdies den Krieg in postromantischer Überhöhung – was uns heute doch sehr befremdet – als „Fegefeuer“, als Läuterung, nach der die Gesellschaft und die Kunst ganz neu beginnen würde. Wird das in Ihrem Melodram verhandelt?

Sehr wohl, aber auch Marcs Nachdenken über die Menschheit und die Zukunft und seine spätere veränderte Einstellung zum Krieg. Ja, er glaubte an den Sieg der Deutschen und die erneuernde Kraft des Krieges. Es ist genau dieser Kontrast zwischen dem freiwillig an diesem großen europäischen Massaker beteiligten Soldaten und dem Avantgarde-Künstler auf dem Weg zur abstrakten Malerei, der uns faszinierte.

Wie zeigen Sie diesen Kontrast?

Es gibt im Text zwei Stimmen, beide gesprochen von Comédie-Française-Mitglied Didier Sandre: den „Engel der Geschichte“, der Franz Marc mahnend zu seinem freiwilligen Kriegsdienst befragt, ihn an seine französische Mutter, an seine Maler-Freunde in Paris erinnert. Und eben die Stimme Marcs, der sich am Ende als „Soldat wider Willen“ bezeichnet, der in diesem Feldzug lediglich das Abenteuer des „Blauen Reiter“ fortsetzen wollte und die Kriegsgräuel nicht voraussah.

Diesen Kontrast, dieses Widersprüchliche bei Marc in der Musik umzusetzen, scheint äußerst schwierig. Am ehesten noch vorstellbar, dass Marcs Entwicklung vom Tiermaler zum abstrakten Maler musikalisch hörbar gemacht werden kann.

Natürlich, durch die Korrespondenzen zwischen beiden Künsten, zum Beispiel hier die Abstraktion, da die Atonalität. Das sind ja gemeinsame zeitgenössische Versuche, die Beziehung zwischen Kunst und Natur neu zu denken. Aber das ist für mich hier nicht ausschlaggebend. In Marcs Bildern, die einfach und zugleich komplex sind, hallt ein Echo seiner Widersprüche, die das Wesentliche unserer Arbeit ausmachen – und in meinen Augen auch das Wesen der Musik selbst. Denn so wie ich sie auffasse, kann sie gleichzeitig das eine und sein Gegenteil aussagen. Es geht mir gar nicht darum, Franz Marcs Bilder in Musik übersetzen. Ich möchte mit ihm und seinen Bildern träumen.

Das Gespräch führte

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