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Rauchen, Trinken, Dazwischenreden erlaubt: In der ersten Folge von „Schulz und Böhmermann“ diskutieren Olli Schulz (2.v.l.) und Jan Böhmermann (r.) unter anderem mit Jörg Kachelmann (l.), Gert Postel (3.v.l.) und Anika Decker über Hochstapelei, das Leben im Knast und harte Kerle.

Es wird gekabbelt, provoziert, gealbert

„Schulz und Böhmermann“: Talkshow pfeift auf Harmonie

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„Schulz und Böhmermann“ plaudern in fünf Folgen mit ihren Gästen über das, was sie interessiert. Die Moderatoren pfeifen auf Harmonie, provozieren und albern herum. Eine Vorschau.

Ach, mal wieder eine neue Talkshow im deutschen Fernsehen. Eine Stunde Sendezeit, in der die Gäste politisch korrekt ihre Phrasen dreschen dürfen?

Denkste. Nicht mit Olli Schulz und Jan Böhmermann. In der neuen Reihe „Schulz & Böhmermann“, die ZDF neo ab diesem Sonntag jeweils um 22.45 Uhr ausstrahlt, pfeifen sie auf Harmonie und fragen das, wonach ihnen gerade ist. Und die Gäste – lassen sich anstecken, nehmen die Hand vor dem Mund weg, um den Moderatoren im Spieltrieb auch mal Contra zu geben.

Mit den fünf Sendungen überbrückt ZDF neo die Winterpause von Böhmermanns „Neo Magazin Royale“. An seiner Seite hat der 34-Jährige dann Kumpel Olli Schulz. Die beiden moderieren bisher gemeinsam im Rundfunk, ihre Sendung „Sanft & Sorgfältig“ auf Radio Eins ist spaßiges Geplänkel über alles, was ihnen in ihre kreativen Köpfe kommt. Die Fernseh-Talkshow führt das auf dem Bildschirm weiter.

Sie sind, wie sie sind: Schulz – Hamburger Liedermacher und Komiker mit Hang zum Zappelphilipp – kann nicht anders, als abzuschweifen. Er spricht eben gern über sich selbst, formuliert Fragen betont gewitzt – die Antwort scheint dann nicht immer zu interessieren. Es ist an Böhmermann – optisch eine junge Version von Günther Jauch, in Humor und Schlagfertigkeit von Harald Schmidt – alle Gäste miteinzubeziehen, damit ein Gespräch entsteht. Denn genau das soll die Talkshow der beiden Norddeutschen ja sein: „Hier wird kein Gast nach dem anderen abgehakt, wir versuchen, ein echtes Gespräch zu führen“, betont Böhmermann zu Beginn. Und gesteht gleich ein: „Das kann funktionieren, muss aber nicht.“

Damit die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert, steigt, setzen sie auf eine bunte Gästeliste. Rapper Kollegah, Drehbuchautorin Anika Decker („Keinohrhasen“), aufgeflogener Hochstapler Gert Postel und Wettermann Jörg Kachelmann dürfen als Versuchskaninchen in Runde eins sitzen.

Nun könnte es für einen seriös wirken wollenden Fernsehmoderator unangenehm sein, einen wie Kachelmann zu interviewen. Man könnte sich herumwinden um den Prozess, den er durchlebt hat, könnte die Zweifel, die manche an seiner Unschuld haben, mit größter Vorsicht antippen. Oder man macht’s wie Böhmermann, der bei der Vorstellung des Gastes locker flockig einsteigt: „Ich hab’ vor zwei Jahren schon einmal bei Ihnen angefragt – das hat damals nicht geklappt, weil Sie vorher noch ihre juristischen Angelegenheiten klären wollten.“ Grins. Kollegah setzt noch einen drauf, fragt geradeheraus: „Ich hab’ auch mal ’ne Frage, das führt ja sonst zu nichts. Du distanzierst dich komplett von dem Tatvorwurf? Das ist alles erfunden, erstunken und erlogen?“ Und an die Runde gerichtet: „Ist sein öffentlicher Kampf gegen Springer und Co. ein Indiz dafür, dass er tatsächlich nichts getan hat?“ Da antwortet gleich Postel, der Hochstapler, der ohne abgeschlossene Ausbildung leitender Oberarzt eines Fachkrankenhauses für Psychiatrie wurde: „Ja, klar.“ Und will schon eine Analyse beginnen. Böhmermann unterbricht charmant: „Herr Postel, Sie sind kein Psychiater, nur mal kurz als Erinnerung für Sie.“

"Schulz & Böhmermann": Hat was von Diskussionsrunden wie im Sozialkundeunterricht

So plätschert sie amüsant dahin, diese Talkrunde, in der gekabbelt, provoziert, gealbert wird. Das hat was von den Diskussionsrunden, die man einst im Sozialkundeunterricht simulieren musste. Alles sehr spontan und unbedarft – nur viel witziger. Doch auch in den ernsten Momenten, wenn Kachelmann etwa auf den immensen Schaden durch die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn eingeht, gelingt es den Moderatoren, die Stimmung aufzufangen, die Kurve zu bekommen.

Am Ende sitzen sie zu zweit am Tisch, die Gäste sind verabschiedet, der Zigarettenqualm wabert noch. Kurz lästern sie über die Gesprächsteilnehmer, gaukeln uns das private Nachgespräch vor, das sie sonst in der Garderobe führen würden. „Es war ne okay-e Sendung, es gibt noch Luft nach oben“, resümiert Böhmermann. Wenn das okay war, darf man sich über noch viel sehr Gutes freuen.

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