Im Olymp des Liedgesangs

- Auf der Visitenkarte hätte ja auch stehen können: "Dr. med. Christian Gerhaher, leitender Oberarzt am Krankenhaus Straubing" - möglicherweise ein Gewinn für die Medizin, ganz sicher ein Verlust für die Musikwelt. Gottlob kam's anders. Gerhaher unterbrach das Medizinstudium, um für ein Jahr an die Opernschule zu gehen, nahm es dann wieder auf, da dem gebürtigen Straubinger ein Doppelstudium verwehrt wurde. Und drei Tage nach dem dritten Staatsexamen begann der Bariton, wie ungeduldig an den Fesseln des falschen Berufs zerrend, am Würzburger Theater.

<P>Was seither folgte, ist eine Blitzkarriere ohne übliche Zutaten, ohne PR-Rummel und Hochglanzprospekte der CD-Firmen, eine Karriere, die ihn _ quasi durch die Hintertür und allein bauend auf künstlerische Qualitäten - in den Olymp der Lied-Szene katapultierte. Schon früh trat Gerhaher bei der renommierten Schubertiade in Hohenems auf, singt inzwischen unter Harnoncourt, Blomstedt und Marriner - und legte eine grandiose "Winterreisen"-CD vor, die sich mühelos gegen Referenz-Aufnahmen behauptet und mit dem "Echo Klassik 2002" prämiert wurde.</P><P>Blitzkarriere ohne PR-Rummel</P><P>Was Gerhaher auszeichnet: Seine Interpretationen bauen nicht aufs Blendwerk äußerlicher Posen, sondern horchen behutsam in die Textur hinein, verbinden also Reflexion mit überlegener vokaler Technik und Exquisität des Timbres. "Das Handwerk wird doch heute zu klein geschrieben", kann sich der sonst zurückhaltende 34-Jährige im Gespräch ereifern - und zählt gleich eine Reihe prominenter Altersgenossen auf. "Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, den Notentext zu beachten. Die effektvolle Destruktion ersetzt zu oft die Substanz. Und auf die Mätzchen fährt das Publikum auch noch ab. Aber der eigentliche Künstler ist doch der Komponist!"</P><P>Dass dieses Nachdenken übers Stück auch zu ungewöhnlichen Ergebnissen führen kann, merkt man Gerhahers jüngster CD, Schuberts "Schöner Müllerin" an. Denn die umschmeichelt nicht mit süßlicher Wander- und Wiesenromantik, sondern akzentuiert das Widerborstige, Unwirsche des Zyklus', der in der Katastrophe des Selbstmords endet: "Des Baches Wiegenlied" wird da als Verwandter des "Leiermanns" aus der "Winterreise" geoutet, auch als Vorahnung Mahler'scher Seelenabgründe - nachzuhören in der ebenfalls heuer veröffentlichten Mahler-Einspielung.</P><P>In München ist Gerhaher bislang nur sporadisch aufgetreten. Frühen Ruhm brachte ihm eine konzertante Hochschul-"Zauberflöte" mit Colin Davis, in der er den Papageno sang. Es folgten Oratorien-Verpflichtungen, diese Woche, zur Saison-Eröffnung bei den BR-Symphonikern, "Carmina Burana" mit Riccardo Muti. Lampenfieber kenne er zwar angesichts der großen Namen nicht, doch: "Ich bin ein etwas unsicherer, schüchterner Typ, der sich überwinden muss für die Bühne. Es gibt manchmal eine echte Angst, die sich durch den ganzen Abend zieht."</P><P>Überlegungen, aus der erträumten Sänger-Karriere wieder auszusteigen, tauchen inzwischen nicht mehr auf. Doch will sich der junge Bariton vom Beruf nicht auffressen lassen: "Nur ans Singen denken, das ist nicht meine Sache. Ich bin glücklich, fürchte aber immer, dass ich mein Kind vernachlässige." Gerhaher lebt mit Frau und 17 Monate altem Bub in München, der demnächst ein Geschwisterchen bekommen wird. Gerade deshalb will der Bariton die Anzahl seiner Auftritte reduzieren.</P><P>Große Pläne gibt es trotzdem: "In bin leider völlig ungeduldig", sagt Gerhaher, ohne zu kokettieren. "Warum darf ich noch nicht an der Münchner oder Wiener Oper singen? Figaro wäre für mich das Göttlichste, später mal Wolfram, Beckmesser, Eisenstein - und viel später Amfortas." Dass er plötzlich in der obersten Liga mitmischt, verblüffe ihn schon - zumal er weit davon entfernt ist, sich Eitelkeiten des Star-Betriebs anzueignen. Doch beschleiche ihn ab und zu ein merkwürdiges Gefühl, wie er lachend erzählt: "Manchmal sitze ich so da und denke mir erschrocken: Heute kommt es raus. Die Leute merken, dass ich's nicht kann."</P><P>Franz Schubert: "Die schöne Müllerin". Gustav Mahler: Lieder/ Schönberg: Kammersymphonie. Christian Gerhaher, Gerold Huber, Hyperion Ensemble (Arte Nova).</P>

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