Die Olympiade der Tierquäler

- Von außen betrachtet, hängt alles mit allem zusammen. Und es sind die Zufälle und scheinbaren Nebensachen, die die Wendungen eines Lebens bestimmen. Ein bloßes aneinander Vorbeigehen oder eine nicht stattfindende Begegnung kann folgenträchtiger sein als eine Eheschließung. Und eine Nachricht aus Nairobi ist wie ein Sechser im Lotto. Woher wissen wir das? Von jemandem, der eigentlich im Jenseits sein müsste, aber noch im Diesseits verharrt. Von Rosalia Lombardo, die einst als Zweijährige starb, für die Ewigkeit balsamiert und in einem Glassarg in Palermos Katakomben niedergelegt wurde. Und doch entkommt ihre Seele diesem Leid, fährt in eine junge Frau und wandert mit ihr nach Wien. In das skurrile, grelle Wien von Franzobel.

<P>Seelenwanderung nach Österreich</P><P>Der österreichische Autor, Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 1995, gewinnt in seinem Roman "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit" dieser zunächst esoterisch schillernden Konstellation eine pralle Lebenskraft ab. Mitten in eine desolate Gruppe aus Österreichern und Emigranten wirft er seine Erzählerin hinein, in eine wabernde, sexuell aufgeladene Atmosphäre, in der jedes Menschen Neid so groß ist wie sein Spleen.</P><P>So hasst Pasqualina aus für sie unerklärlichen Gründen ihren Nachbarn Klappbauch und will die Asche ihres nationalsozialistischen Vaters auf dem Heldenplatz verstreuen. Conchita heiratet aus Rache an ihrem Ex-Geliebten und um ihrer Aufenthaltserlaubnis wegen Seth. Gloria geht täglich zu ihrer Bank, um den Stand des Sparkontos zu erfragen. Manker unterrichtet den Journalisten Zsmirgel darin, gemein zu sein, stumpfsinnig und dauerhaft. Mit dem geduldigen Seth und der lethargischen Mariella sind sie verstrickt - auf Gedeih und Verderb.</P><P>Franzobels Figuren faszinieren durch ihre Eigenarten. Sie wirken wie eine ironisch-böse Verzerrung der liebevoll gezeichneten Personen aus Jean-Pierre Jeunets Film "Die fabelhafte Welt der Amelie". Sie sind bizarr und einzigartig. Wie Gloria, die Verrückte, deren prachtvolles Haar voller Läuse steckt, die sich in den Seriendarsteller Herkules verliebt und deren Geiz sie sogar das Toilettenpapier einsparen lässt.</P><P>Oder Manker, der sich immer neue Varianten der olympischen Spiele ausmalt: die Alkoholikerolympiade, die Tierquälerolympiade, die Konsumentenolympiade: "Wie bei richtigen Olympischen Spielen gab es auch bei der Konsumentenolympiade Wettkämpfe in diversen Disziplinen, nur mit dem Unterschied, dass man dabei auch konsumieren musste. Die 400-Meter-Läufer etwa hatten gleich nach dem Start eine Flasche Schnaps zu trinken."</P><P>Franzobel erzählt - in seiner expressiven Kunstsprache - rhythmisch und filmisch, begleitet seine Figuren eine konkrete Situation lang, bis er einer anderen begegnet und ihr folgt. Und trotz seines Spottes, seiner Albernheiten und den Seitenhieben auf Wien und Österreich verrät er seine Helden nicht. Denn mit ihnen erschafft er seine fabelhafte Schule der Gemeinheit.</P><P>Franzobel: "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit". Paul Zsolnay-Verlag, Wien. 176 Seiten, 17,90 Euro.<BR></P>

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