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Kritik an Mubarak gehörte seit Jahren zu seinen Texten: Mohamed El Deeb, kurz: Deeb, musste seine Botschaften aber stets zwischen den Zeilen unterbringen

on3-Festival: Der Klang des arabischen Frühlings

München - Musik gegen Mubarak. Anfang des Jahres strömten die Ägypter auf die Straßen Kairos, um gegen ihren Langzeit-Präsidenten zu demonstrieren. Getragen wurde diese Protestwelle auch von Künstlern und Musikern. Wust El-Balad oder Deeb schrieben die Musik zum arabischen Frühling. Am Samstag sind sie in München zu hören.

Wieder Straßenschlachten in Kairo. Mit Gummiknüppeln verjagen Soldaten und Polizisten Demonstranten vom Tahrir-Platz. Die Protestierenden wehren sich mit Sprechchören, werfen Pflastersteine. Die aktuellen Bilder aus Nordafrika erinnern an die Proteste vom Anfang des Jahres, als die Ägypter das Mubarak-Regime stürzten. Nun, da sich der Militärrat kurz vor den Parlamentswahlen die Macht sichern will, ist die Lage erneut angespannt. Zwei Tage bevor Ägypten wählt, kann man in München einen musikalischen Eindruck vom Land am Nil bekommen – beim on3-Festival im BR-Funkhaus treten am Samstag auch Musiker aus Ägypten auf: Hip-Hop-Künstler Deeb, Elektro-Frickler Neobyrd und Wust El-Balad, die erfolgreichste Rockband des arabischen Raums.

Akt der Solidarität für Akt-Fotografin

Die drei Affen, die einem japanischen Sprichwort entstammen, sich Mund, Augen und Ohren zuhalten und als Symbol für Ignoranz gelten (nichts hören, nichts sehen, nichts sagen), standen Pate für das Selbstporträt der Ägypterin Alia Magda al-Mahdi. Nackt ist die 20-jährige Kunststudentin der Kairoer American University auf den Schwarzweiß-Fotos – mit gelben Zensurbalken über Intimbereich, Mund und Augen.

Diese und andere Bilder veröffentlichte die junge Frau in ihrem Internetblog „A Rebel’s Diary“(Tagebuch einer Rebellin), um sich für Kunst- und Redefreiheit in ihrer Heimat stark zu machen. Die Bilder scheinen einige radikalislamische Juristen derart in Rage gebracht zu haben, dass sie Alia Magda al-Mahdi anzeigten. Vorwurf: Verbreitung von Unmoral und Missachtung der Religion. Noch ist unklar, ob sich die Staatsanwaltschaft mit dem Fall beschäftigt. Unterstützung bekam die junge Frau am Wochenende indes aus Israel: Dutzende Israelinnen ließen solidarisch die Hüllen fallen. Titel der Aktion: „Liebe ohne Grenzen“.

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Musikalisch ist aber nicht gleichbedeutend mit unpolitisch: Als die Revolution von Tunesien nach Ägypten übergriff, als erst Hunderte, dann Tausende auf dem Tahrir-Platz protestierten, waren Deeb und Wust El-Balad mittendrin – und lieferten den Soundtrack zum arabischen Frühling. Sie standen auf Bühnen auf dem zentralen Platz der Revolution. Deeb rappte lautstark seine Texte über Korruption, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Wust El-Balad widmeten sogar einen Song den Aufständischen auf dem Tahrir-Platz: „Sout El Horeya“ – der Sound der Freiheit. Als die Band das Stück spielte, stimmten die Demonstranten einen Sprechchor an. „Horeya, Horeya“ riefen sie immer wieder – Freiheit, Freiheit.

Wust El-Balad, eine achtköpfige Formation aus Kairo, sind die Superstars und alten Hasen des Ägypten-Schwerpunkts beim on3-Festival. Vor zwölf Jahren gegründet, haben sie sich im arabischen Raum eine große Fangemeinde erspielt. Sie verbinden Soft-Rock mit traditionellen und modernen Elementen orientalischer Musik, auch Reggae-Anklänge finden sich. Obwohl die Ägypter auch sehnsuchtsvolle Liebeslieder schreiben können, sind sie durch und durch politisch: Die Band hat nicht nur die Revolution im eigenen Land, sondern etwa auch die Situation der Palästinenser oder die Präsidentschaft George W. Bushs musikalisch kommentiert.

Wust El-Balad ist die erfolgreichste Rockband des arabischen Raums. Die Musiker aus Kairo machten Anfang Februar den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz mit einem druckvollen Auftritt Mut. Ihre Songs wurden so zum Soundtrack dieser Revolution.

Auch Rap-Revolutionär Deeb ist politisch. Der 27-Jährige übte schon vor dem Aufstand Kritik an den Machthabern, wenn auch nur verklausuliert: Um nicht im Gefängnis zu landen, vermied er Wörter wie „Regierung“ oder „Präsident“ in seinen Texten, rappte stattdessen von „big guys“ oder „den Korrupten“. Mit politischen Reimen machte er sich nicht nur Freunde: Während eines seiner Auftritte auf dem Tahrir-Platz wollten ihn islamische Extremisten von der Bühne holen, erzählte Deeb. Doch die Demonstranten ließen sie nicht durch und schützten den Musiker. Vielleicht hat ihn auch dieses Erlebnis in seinem Glauben an die Macht der Musik bestärkt: „Hip-Hop ist eine sehr starke Sprache, stärker als die Nachrichten.“ Damit führt er die Musik zurück zu ihren Wurzeln, denn ursprünglich ging es Rappern ja nicht hauptsächlich um dicke Autos und Bling-Bling, sondern um Sozialkritik.

Dagegen hat sich der dritte Künstler aus Kairo, der jetzt in München zu Gast ist, ganz der L’art pour l’art verschrieben: Neobyrd, ein 24-jähriger Elektro-Produzent, will fernab von politischen Botschaften die Menschen zum Tanzen bringen. Seine Kompositionen könnten im Gegensatz zur Musik von Deeb und Wust El-Barad wohl auch hierzulande in Clubs gespielt werden. Bei seinen Auftritten setzt sich Wael Alaa alias Neobyrd eine spektakuläre Vogelmaske aus Pappmaché auf. Das kommt an. Denn auch Revolutionäre

Juliane Frisse

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