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„Carmen“-Bühnenbild auf dem See: Da tanzen die Karten und das Ballett. 

Premierenkritik

„Carmen“ in Bregenz: Gib den Gaffern Zucker!

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Die Bregenzer Festspiele locken heuer mit dem ultimativen Opernhit. Bizets „Carmen“ ist ein optisches Spektakel mit hoher musikalischer Qualität. Hier die Premierenkritik. 

Bregenz - Reden wir nicht übers Wetter. Darüber, wie sich eine Stunde vor Beginn vom Engadin her eine schwarze Wand heranwälzte. Wie sich ein Sturm erhob, wie zu Vorstellungsbeginn der Regen kam, der sich zum Wolkenbruch steigerte. Auch nicht darüber, wie in bedenklicher Nähe ein Gewitter vorbeigrollte, viele trotz Regenhaut die Contenance verloren und ins Trockene flohen und mancher später wiederkam. Jede andere Vorstellung wäre mutmaßlich abgebrochen worden, doch diese genoss Premierenschutz. Eher sollte man reden über: „Carmen“ im Freien, mit Dramaturgenskalpell auf knapp zwei pausenlose Stunden gestutzt und aufgedonnert zur Show – passt das wirklich?

Schon einmal, 15 Jahre ist das her, hatten die Bregenzer Festspiele mit Giacomo Puccinis „La bohème“ ein Kammerspiel riskiert. Abzüglich der Schenkenlieder plus Torero-Getöse und Schmuggler-Chöre verhält sich das beim ewigen Opernhitlistenführer von Georges Bizet ja ähnlich. Doch die Vorarlberger haben die Kurve gekriegt, auf eigenwillige Weise. Regisseur Kasper Holten hat dazu ziemlich viel an Bühnenbildnerin Es Devlin und ihr wie locker in die Luft geworfenes Kartenspiel delegiert. José ist gleich Pik-Bube, die Angebetete Herz-Dame, eine Anspielung auf Carmens Weissagungen und Monumentalkommentar für Begriffsstutzige. Wobei: Wer die erste halbe Stunde aufs Geschehen im Bodensee blickt,  wähnt sich im gut abgehangenen  Repertoire. Chorauftritt, Herumstehen, Solo-Garnierung, Abtritt – kennt man alles von lustlos reanimierten Otto-Schenk-Aufführungen.

Heiße Ballettszenen im knöcheltiefen Wasser

Doch dann tut sich was, und der Beginn entpuppt sich als Luftholen, als Anlauf zum Spektakel. Puristen könnten sich angeekelt abwenden von den Stuntmen, die auf dem Rommé-Blatt hocken, sich abseilen, von Micaëla, die in 15 Metern Höhe ihre Arie in den Nachthimmel barmt, von der heißen Ballettszene im knöcheltiefen Wasser, bei der es so schön gischtet und spritzt, erst recht von den Feuerwerksraketen, die als Kommentar zu Escamillos Gegockel in die Nacht aufsteigen. Kasper Holten, Es Devlin und Choreografin Signe Fabricius geben da den Gaffern ordentlich Zucker – doch es funktioniert und flutscht wie im Londoner Westend-Musical. Vielleicht auch, weil manches in seiner Wirkung so überdreht ist, dass man schon wieder Distanz und Ironie im Effekt erahnt. Bis hin zu den Videos von Luke Halls geht das, die immer wieder andere, sich drehende Karten zeigen und manchmal auch Sänger in Großaufnahme. In zweistündiges Grübeln dürfte das manchen versetzt haben: Gibt es für jede dieser Karten zwischen Frauenarmen, die anmutig aus dem Wasser ragen und deren Nägel leichte Brüchigkeit zeigen, gar einen eigenen Projektor?

Solche Schauwerte, das mindert die Gesamtsumme dann doch, gehen auf Kosten der Sänger. Es gibt Szenen, bei denen nicht ganz klar ist, wer gerade dran ist oder was mit wem verhandelt. Holten müsste im Folgejahr lichten, fokussieren, einsamen Menschen auf beruhigter Riesenbühne vertrauen – so wie in der letzten Viertelstunde, als die Aufführung zusammenschnurrt auf die entscheidende Auseinandersetzung von José und Carmen. Dass die nicht mit einem Messerstich endet, sondern brutaler, feuchter, mit quälend langen Sekunden, versteht sich am Bodensee von selbst.

Hohe musikalische Präzision

Erstaunlich, aber das ist mittlerweile eine Bregenzer Binse, die musikalische Präzision. Fliegt etwa das Schmugglerquintett in vielen Opernhäusern gern auseinander, bleibt hier alles eingerastet, mehr noch: Paolo Carignani, nach dem Rückzug von Ulf Schirmer so etwas wie Generalmusikdirektor ohne offiziellen Titel, ruht sich nicht aus auf der wirkungssatten Partitur. Mit den Wiener Symphonikern und dem Prager Philharmonischen Chor wagt er hier eine Puzzelei, dort eine hintergründige Verbremsung, dann nimmt alles wieder enorm Fahrt auf. Details werden (auch dank der grandiosen Tontechnik) nie künstlich emanzipiert, die großen Nummern behalten trotz klanglicher Ballung Eleganz und Geschmeidigkeit.

Traditionell sind die Rollen bis zu dreifach besetzt, aus der Premierenriege ragt – nicht nur naturgemäß – Gaëlle Arquez in der Titelrolle heraus. Weniger wegen der gesundheitsgefährdenden roten High Heels: Diese Carmen wirft nicht einfach die Mezzo-Orgel an oder buhlt spreizbeinig und stimmlich forcierend um Aufmerksamkeit. Arquez singt die Partie tatsächlich, bis in die kleinste Nuancen-Ecke hinein, doch dies vollkommen selbstverständlich und stilsicher, als seien ihr Habanera & Co. gerade erst eingefallen. Elena Tsallagova nutzt die dankbare Micaëla-Partie zu nie verpiepsten, reifen Tönen. Scott Hendricks singt einen raubauzigen, vokal ergrauten Escamillo, Daniel Johansson als José wird im Laufe des Abends immer ökonomischer, vorsichtiger – was soll’s. So klatschnass, wie der arme Mann am Ende alles bewältigt, verdient nicht nur er, sondern das gesamte Ensemble eine bodentiefe Verneigung. Rund 70 Minuten waren die Wolkenschleusen offen, zu Micaëlas Arie begann es am Firmament zu funkeln. Den besten Regie-Einfall hatte sich der Mann von oben vorbehalten. Alles eine abgekartete Sache also?

Weitere Aufführungen
bis 20. August (die meisten ausverkauft); www.bregenzerfestspiele.com; Telefon: 0043/ 5574/ 4076.

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