Oper auf dem Drahtseil

- Rund 15 Jahre lang war ein Da Capo an der Wiener Staatsoper verpönt, kürzlich hat Rolando Villazon als Nemorino dieses Tabu gebrochen: Das entfesselte Auditorium verlangte ein zweites Mal "Una furtiva lagrima". Der quirlige Mexikaner mit der Ausnahmestimme ist der neue Star am Tenorhimmel. Im Nationaltheater ist der 33-Jährige an diesem Sonntag in der Titelpartie von Gounods "Faust" zu hören, danach hier erstmals auch als Gounods Romeo.

<P>Neulich saßen Sie im Berliner "Parsifal". Sind Sie etwa Wagner-Fan?<BR><BR>Villazon: Warum nicht? Ich mag alles. Wenn ich kann, gehe ich immer ins Theater.<BR><BR>Aber manchem Sänger schnürt's die Kehle zu, wenn er anderen zuhören muss.<BR><BR>Villazon: Wenn ich da sitze, bin ich Publikum. Da ziehe ich auch keine Vergleiche. Ich habe viel Spaß. Mehr noch: Ich glaube, dass Oper eine Art mystische Erfahrung ist. Einfach zwei Stunden vergessen, dass man im Theater ist.<BR><BR>Passiert Ihnen das auch auf der Bühne?<BR><BR>Villazon: Ich bin mir des Publikums schon bewusst, der Hitze, die von dort ausgeht, ich muss aber zugleich das leben, was ich gerade darstelle.<BR><BR>Und bei den großen Hits? Ist es nicht ein Problem, wenn jeder die Arie von zehn anderen kennt?<BR><BR>Villazon: Im Gegenteil, es ist super. Ich habe die Verantwortung, eine neue Version, die Villazon-Version zu kreieren. Manch andere mag besser sein. Aber jetzt hören die Leute eben meine Variante, mit meinem Herzen, meinem Blut, meinem Willen.<BR><BR>Die Bregenzer "Bohè`me" 2001 war Ihr Durchbruch. Wird es Ihnen bei der Karriere-Entwicklung oft schwindlig?<BR><BR>Villazon: Überhaupt nicht. Man kann das nicht beeinflussen. Ich bin bereit für alles. Zu schnell wäre es nur gewesen, wenn ich irgendwann einmal Angst gehabt hätte. Ich plane auch meine Karriere relativ bewusst.<BR><BR>Und was soll's in zehn Jahren sein?<BR><BR>Villazon: Lohengrin. Wissen Sie, bevor ich "Carmen" in Berlin bei Daniel Barenboim gesungen habe, sagten immer alle: Lass' die Finger vom Don José´. Sicher war er früh für meine Karriere. Aber ich habe Barenboim vertraut. Man muss etwas riskieren, sonst läuft die Sache zu sicher ab.<BR><BR>Also brauchen Sie den Drahtseil-Akt.<BR><BR>Villazon: Natürlich. Es muss immer ein kleiner Rest Ungewissheit bleiben, sonst wird Oper Langeweile, Routine. Man sollte in diesem Beruf keine Angst vor Fehlern haben. Ich werde welche machen, da bin ich mir sicher.<BR><BR>Bleibt Ihnen überhaupt die Zeit dazu? Sie werden von CD-Firmen, vom Management, vom "Markt" ziemlich gepusht.<BR><BR>Villazon: Ich muss mir eben bewusst sein, dass dieser Don José´ zum Beispiel ein Fehler hätte sein können. Aber er war auf jeden Fall - Berlin! Barenboim! - ein großer Moment für meine Karriere. Gelernt habe ich dabei viel. Und geklappt hat es auch.<BR><BR>Wenn alles schief geht, können Sie ja als Karikaturist weiterleben.<BR><BR>Villazon: Genau! Ich habe das schon als kleines Kind getan, Zeichnen war immer mein Hobby. Am Tag vor jeder Premiere mache ich eine Zeichnung und verschenke sie.<BR><BR>Sind Sie abergläubisch?<BR><BR>Villazon: Nein. Das würde mich stressen. Wenn ich eine Leiter sehe, gehe ich erst recht unten durch.<BR><BR>Zurzeit gibt es eine Reihe exzellenter Tenöre, die meisten aus Südamerika. Harte Konkurrenz, oder?<BR><BR>Villazon: Kein Problem. Es gibt genug Opernhäuser für uns alle. Fürs Publikum ist es auch toll, die Leute müssen nicht nur Villazon hören, sondern bekommen Alvarez, Vargas, Alagna . . . Ich bin keiner, der neidisch wird. Ich habe alles, was ich mir erträumt habe. Und noch viel mehr. Ich bin durch meinen Beruf privilegiert. Sollten ein paar Probleme auftauchen, so sind die nichts gegen das, was mir der Gesang gibt.<BR><BR>Müssen Sie sich auf der Bühne viel bewegen, um locker zu singen?<BR><BR>Villazon: Eigentlich nicht.<BR><BR>Es scheint aber, als könnten Sie nicht drei Minuten . .<BR> .<BR>Villazon: Wieso? Wir sind hier schon 30 Minuten zusammen und ich sitze immer noch (lacht). Meine Bewegungslust ist eine Konsequenz aus meiner Energie.<BR><BR>Und was passiert nach der Vorstellung? Ein totaler Durchhänger?<BR><BR>Villazon: Nie. (Macht die Bewegung eines Springballs:) Boing, boing, boing. Ich gehe essen, trinke was. Und drei Uhr nachts . . . (bricht theatralisch zusammen und gibt Schnachgeräusche von sich).</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P><P>Münchner Auftritte von Rolando Villazon: "Faust" (10., 14., 17. 4. sowie 27. und 30. 7.), "Roméo et Juliette" (23., 29. 4.), Konzert am 19. 6. im Herkulessaal.<BR></P>

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