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Anziehende und abstoßende Magie: Gábor Bretz als Holländer mit dem Chor des Passionstheaters.

Premiere „Der fliegende Holländer“

Oper für alle in Oberammergau

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Christian Stückl inszenierte im Oberammergauer Passionstheater Richard Wagners „Fliegenden Holländer“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik.

Oberammergau – Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht, sie liebt... Wie das Blütenblätterzupfen ausgegangen ist? Wir wissen es nicht. Ebenso wenig, was mit dem sympathischen, somnambulen jungen Mann passiert ist, der jene Blume in der Hand hält, dabei als stummer Geist und Strippenzieher durch die Handlung wandelt und irgendwann von der Regie vergessen worden ist. Es gibt da also offene Fragen. Und einen dritten Akt, der den beiden ersten etwas hinterherhinkt. Denn jetzt, wenn norwegische Matrosen und die Geister-Mannschaft des Holländers aufeinanderprallen, wenn Richard Wagner die Klangwelten des Dämonischen entfesselt, Bedrohung, Angst und die Urkräfte des Jenseits die Grenzen der „romantischen Oper“ endgültig sprengen, da müsste eigentlich auch auf der Szene Adäquates passieren. Zumal es merkwürdig ist, dass die Norweger stimmlich bei den Feinden aushelfen – der Chor wäre an sich groß genug.

Musiktheater in Oberammergau ist problemlos möglich

Schwamm drüber, dafür ist der Rest dieses „Fliegenden Holländers“ zu gut. Auch im dritten Jahr führt Christian Stückl den Beweis: Musiktheater in Oberammergau ist problemlos möglich – und lockt ein Publikum an, das sich zwischen Lederhosn, Dirndl, leinenstoffigem Sommer-Stoiber und Robe bewegt. „Oper für alle“, der Slogan, den die große Staatsopern-Schwester 90 Kilometer weiter nördlich gern bemüht, hier wird er Realität. Das betrifft nicht nur die Besucher, sondern auch die Mitwirkenden. Der Chor des Passionstheaters, hauptsächlich Laien und ein paar Verstärkungsprofis, ist eine Säule dieser Premiere. Stückl, Prinzipal, Regisseur und Aufführungskoordinator bis zur letzten Sekunde, hat wieder seine mutmaßlich konkurrenzlosen Trümpfe als Animateur und Basisarbeiter ausgespielt.

Jeder weiß, wohin er sich zu bewegen und wie er zu reagieren hat, welche Rolle er erfüllt. Mit merklichem Spaß steigern sich die Damen ins Spinnerlied, das hier (Was sonst?) eine sacht entgleisende Laienchorprobe ist unter Leitung der resoluten Mary. Auch in oratorischen Momenten gibt es kein Erschlaffen. Gesungen wird überdies ausnehmend gut (Einstudierung: Markus Zwink), nie überreizt und erstaunlich präzise, auch in jenen Passagen, in denen Ainars Rubikis den Turbo zuschaltet. Wie in den vergangenen beiden Jahren bei Verdis „Nabucco“ hat der künftige Chefdirigent der Komischen Oper Berlin die Partitur unter Dauerfeuer gesetzt – bis auf das Liebesduett Holländer/ Senta, von dessen Lyrikzauber der plötzlich auf Zeitlupe gepolte Rubikis gar nicht mehr genug kriegen kann. Zeit, Tempo und auch Spannung werden da eingebüßt: Was soll’s. Der andere Motivator des Abends steht also im tiefen Graben, am Pult der Neuen Philharmonie München. Und die jungen, aus über einem Dutzend Ländern stammenden Mitgliedern steigern sich ins Stück hinein, wie es halt nur beim ersten Mal passieren kann.

Die halboffene Situation im Theater ist heikel

Mit wenigen Zutaten kommen Stückl und Ausstatter Stefan Hageneier aus. Eine gedrungene Breitwandbühne, ein drehbarer Zylinder in der Mitte mit Meeresmotiv, der sich öffnen kann und den Blick freigibt auf ein Schiff, später auf eine Kommandobrücke. Wichtig ist nicht rahmender Tand, sondern der Mensch, ob einzeln, in spannungsvoll entwickelten Liebesverzweiflungsszenen oder im Kollektiv. Die Geschichte vom verfluchten Seefahrer, der eine liebende Frau zur Erlösung braucht (auch wenn die mit Erik für einen anderen vorgesehen ist), wird klar, ehrlich, mätzchenfrei erzählt mit durchwegs gutem Soli-Ertrag. Gábor Bretz ist ein auffallend „bassiger“ Holländer mit weich grundierter, trotzdem konditionsstarker und genau kontrollierter Stimme. Der Magie dieses Wesens, abstoßend und verführerisch zugleich, kann sich nicht nur Senta kaum entziehen. Liene Kinča, als indisponiert angekündigt, singt dramatisch-herb, mit viel Risikolust im Finale. Guido Jentjens ist kein polternder, sondern ein nobler Daland, Denzil Delaere ein jugendfrisch-kraftvoller Steuermann, Iris van Wijnen eine urkomische Mary und David Danholt ein intensiver Erik, der mehr haushalten könnte mit seinem Tenor.

In die Mikrofonierung muss man sich einhören. Das Klangbild ist – auch weil leise Stellen angehoben werden und Fortissimo-Passagen im Orchester sich nicht richtig Raum verschaffen – zusammengeschoben. Manches wummert, der Hall dürfte die hinteren Publikumsreihen benachteiligen. Gewiss: Die halboffene Situation im Theater ist heikel. Die Oberammergauer Technik könnte dennoch nachbessern, vielleicht ja auch der Regisseur. Noch ist nicht ausgemacht, ob dieser „Holländer“ auch im kommenden Jahr gespielt wird. Nach dem Premierenerfolg sollte die Antwort nicht so schwerfallen.

Informationen:

Weitere Aufführungen am 14., 16., 21. und 23. Juli; Telefon 08822/ 945 88 88.

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