„Oper funktioniert nicht wie DSDS“

München - Bassist Günther Groissböck spricht im Merkur-Interview über den Klassikmarkt, Wotan in der Badewanne und seine Radl-Leidenschaft.

Prognosen sind im Operngeschäft mit seinen schnell verglühenden Stars heikel. Doch sicher ist: Dieser Bassist gehört bald zum absoluten Spitzenfeld. Schon jetzt ist Günther Groissböck, der aus Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich stammt, weltweit gefragt. Als Sarastro („Zauberflöte“), Hunding („Walküre“) und demächst als Boris Godunow. In Bayreuth debütiert der 34-Jährige heuer als Landgraf im neuen „Tannhäuser“, ab Sonntag ist Groissböck im Münchner Nationaltheater wieder der Wassermann in „Rusalka“.

-In „Rusalka“ sind Sie als Wiedergänger Josef Fritzls zu sehen. Als Sie mitbekommen haben, wen Sie da spielen müssen: Hat Sie das irritiert bis erschreckt?

Drei Monate vor Probenbeginn hat mir Martin Ku(s)ej sein Konzept in groben Zügen erklärt. Ich war von dieser Idee sehr angetan, auch deshalb, weil es an der Zeit war, dieses Thema auf der Bühne emotional aufzuarbeiten. Nachrichten-Fakten sind das eine. Aber wirklich eine Person und eine unbegreifliche Geschichte ergründen zu wollen, das ist etwas völlig anderes. Es handelt sich hier ja nicht um ein eindimensionales Inzest-Monster. Keiner kommt böse auf die Welt. Wir haben gezeigt, unterstützt von Dvo(r)áks Musik und ohne ihn zu entschuldigen: Dieser Mann hat auch Sehnsüchte und Gefühle.

-Ging es Ihnen anfangs wie vielen Bässen - eine Riesenstimme, aber noch ein ziemlicher Rohdiamant?

Ein bisschen war es so. Ich bin ohne eine Gesangsstunde zur Aufnahmeprüfung in Wien gegangen. Zuvor dachte ich mir, als ich am Wiener Opernstehplatz war: „Wotans Abschied, das liegt zwar etwas hoch, aber das wär’s.“ Den habe ich nämlich immer in der Badewanne gebrüllt. Ich besorgte mir also die Noten beim Doblinger, habe sie angeschaut und gedacht: „Naa, des singst ned, des kann niemand spüün.“ Dann habe ich eben „O Isis und Osiris“ vorgesungen und ein Schubert-Lied. Und weil einer meiner Stars Kurt Moll war, habe ich ihn imitiert. Nach dem Vorsingen fragte der Leiter der Kommission mit schneidender Stimme: „Herr Groissböck, welchen Lieblingssänger haben Sie denn?“ Ich wie aus der Pistole geschossen: „Kurt Moll.“ Da lachten sie alle wie in der Muppet-Show. „Das haben wir uns fast gedacht“, tönte es zurück. Ich kam dann in den Vorbereitungslehrgang, und nach der nächsten Prüfung klappte es.

-Haben Sie auch die typische Auseinandersetzung mit den Eltern hinter sich? Nach dem Motto: Bub, lern’ lieber was Gescheites...

Ich komme aus einer normalen, bürgerlichen, kleinstädtischen Familie. Mein Vater war Arzt, ist früh verstorben, und meine Mutter war Lehrerin. Wir hatten einige Platten daheim. Opernquerschnitte von „Tannhäuser“, „Zauberflöte“ oder „Lohengrin“ - lustigerweise alle diese Werke, die mich jetzt wieder einholen. Ich habe mit acht brav begonnen, Klavier zu lernen, war zu Beginn auch motiviert, fand aber das konsequente Üben, um damit etwas erreichen zu können, bald recht fad. Meine Mutter war, als es Richtung Sänger ging, schon skeptisch. Ich würde jetzt jedem jungen Kollegen raten, etwas dazuzulernen. Sei es Lehramt oder etwas anderes. Der Sänger-Beruf ist einfach eine unheimlich fragile Angelegenheit.

-Geht’s Ihnen mit der Karriere zu schnell?

Von den Rollen her nicht. Die Eindrucksdichte ist halt groß. Diese vielen Städte, Aufführungen und Leute, all das muss man erst mal verdauen.

-Aber das alles genießt man doch in jungen Jahren.

I ned. (Lacht.) Nein, im Ernst: Klar ist es manchmal spektakulär und auch horizonterweiternd, aber diese langen Perioden an einem Ort, an dem man nicht die Lebensqualität wie Wien, München oder Zürich genießen kann, die können hart werden. Zum Beispiel ein Monat New York... Ich bin da zu ländlich geprägt. Tokio - a Wahnsinn. Manchmal hat man doch auch Heimweh nach der Sprache. Als ich meine Frau einmal in Washington zum Flughafen gebracht habe, weil sie zurück nach Zürich reiste, merkte ich: Eine Viertelstunde später kommt der Flug aus Wien. Da bin ich ein bissl geblieben, und Sie können sich kaum vorstellen, welch wohliges, heimeliges Gefühl mir ein paar grantelnde Wiener, die über das Essen an Bord nörgelten, in diesem Moment bereiteten...

-Muss ein Regisseur Ihr Spiel eher kanalisieren?

Ich bin grundsätzlich eher schüchtern. Es ist sehr wichtig, dass ich jemanden habe, der mich positiv bestätigt oder es vormacht. Außer Hirtenspiel im Kindergarten und im Gymnasium habe ich auch keine Bühnen-Vergangenheit in der Jugend. Da gab es anfangs eine gewisse Blockade. Mir geht es manchmal noch heute so: Je größer das Opernhaus, sprich, je weiter weg die Leute, desto lieber ist es mir. Aber diese Hemmung verfliegt auf der Bühne zum Glück recht bald. Allerdings kann ich unter idealen Bedingungen schon ganz schön aus mir rausgehen, sodass man anderes annehmen könnte.

-Ändert sich eigentlich gerade der Sängertyp? Die jüngere Generation scheint diesen Beruf nicht mehr als hehre Berufung, eher als einen - wenn auch höchst attraktiven - Job zu empfinden.

Natürlich macht man sich immer wieder bewusst, wie privilegiert dieser Beruf ist. Und dass man sich nichts sehnlicher gewünscht hat. Aber dieses Mitwirken an einer Art Priesterkult in heiligen Hallen sollte ein normales Leben nicht ausschließen. Im Gegenteil: Dieses normale Leben befruchtet den Beruf.

-Und was nervt Sie an der Szene?

Was sich jetzt immer mehr auftut, sind diese Hochglanz-Karrieren, manchmal verbunden mit einem lächerlichen Hype. Und dann gibt es Sänger wie Piotr Beczala, Genia Kühmeier oder Michael Volle, herausragende, einzigartige Simmen, Sänger, die eine klassische, richtige und behutsame Karriere machen - die fallen bei gewissen PR-Managern durchs Raster. Es ist ein Riesenirrtum zu glauben, dass man Opernkarrieren wie im Pop-Bereich aufbauen kann. Oper funktioniert nicht wie DSDS! Im Klassikbereich sind viel langwierigere Prozesse gefragt.

-Wie sieht Ihr Leben neben der Musik aus?

An erster Stelle steht die Familie. Meine kleine Tochter Margot und meine Frau. Ich bin aber auch ein narrischer Rennradlfahrer. Ich fahre einige Bewerbe, den Ötztaler Radmarathon zum Beispiel vor eineinhalb Jahren. Für einen Superfahrer bin ich allerdings mit über 90 Kilo zu schwer. (Lacht.) Das ist alles sehr reinigend für den Kopf, den ganzen Stress kann man im Wortsinn zertreten. Und andererseits ist es gut für den Beruf: Man lernt sich durchzusetzen und durchzuhalten. Ich brauche das. Nicht als Endorphinjunkie. Aber man erkennt eben: Wenn du über den kurzen Schmerzpunkt rüberkommst, macht sich die Anstrengung bezahlt.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Rubriklistenbild: © Hösl

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