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Magenverkleinerung: Deborah Voigt (links) griff zu drastischen Mitteln, um wieder ins Geschäft zu kommen. Traum-Tenor: Johan Botha (rechts) singt besser als fast alle Kollegen, sein Aussehen ist weniger gefragt.

Oper: Magerwahn - eine gefährliche Entwicklung

München - Das hohe C allein reicht längst nicht mehr: Ohne Sportlerfigur und Kino-Gesicht kommt der Sänger-Star von heute nicht mehr aus. Eine ungesunde Entwicklung.

„Das Äußere ist eine vergängliche Sache. Ich bin Sänger, kein Model.“ Er hat leicht reden, bei ihm passt ja alles. Einzigartige Stimme, dunkle Locken, rehbraune Augen, Körpergewicht in gesundem Verhältnis zur Größe: Jonas Kaufmann ist der Tenor aus dem Opern-Bilderbuch. Begehrt von Frau und Mann – und damit der zurzeit kassenträchtigste Sänger. Da der Bayer so singt wie er aussieht, nimmt ihm keiner übel, dass er perfekt ins Schema des Klassikmarktes passt.

Denn dort, wo musikalische Leistung schon lange nicht mehr die nötigen Euro bringt, ist anderes wichtiger geworden. Ein Blick zum Beispiel auf den Katalog und die CD-Cover der Universal (Deutsche Grammophon, Decca) reicht. Mühelos könnten die stylish frisierten und geschminkten Starletts Magazine von „Elle“ bis „Men’s Health“ zieren. Aktuelles Beispiel: Vittorio Grigolo, der mit sorgsam geföhnter Frisur und mafiösem schwarzen Anzug als „The Italian Tenor“ vermarktet wird – obgleich er hörbar noch am Beginn einer (gleichwohl vielversprechenden) Karriere steht. Eine Entwicklung, die sogar so weit geht, dass die Humanprodukte mit der Realität nicht viel gemeinsam haben: Wer Elina Garan(c)as Posen mit der Mezzosopranistin in natura vergleicht, glaubt zwei verschiedene Frauen vor sich zu haben.

Schuld sind die Regisseure

Das alles wäre kaum erwähnenswert, wenn es nicht zwei Probleme gäbe: Aussehen und Image kaschieren oft durchschnittliche Leistungen. Und: Sänger mit begnadeter Stimme, aber mit weniger begnadetem Körper haben das Nachsehen. „Die Marketingabteilungen der Firmen bestimmen über Exklusivverträge und wie die Sänger anzukommen haben“, klagt Germinal Hilbert, Chef der gleichnamigen Münchner Sänger-Agentur. „Und wenn’s nicht passt, muss eben die Sache im Doppelsinn zurechtfrisiert werden.“

Hilbert leitet eine der international einflussreichsten Agenturen, die Namen von Diana Damrau über Waltraud Meier bis Klaus Florian Vogt im Angebot hat. Und er hat auch schon die Schuldigen für dieses Weg von der Musik ausgemacht: die Regisseure. Sie entschieden heutzutage über die Besetzung einer Opernproduktion, nicht mehr die Dirigenten. Und dabei komme es zu unrealistischen Erwartungshaltungen: „Am liebsten ist denen immer eine 25-jährige Salome mit einer Figur wie Audrey Hepburn und einer Stimme wie Birgit Nilsson.“ Hilbert hört oft Beschwerden von Sängern, die zwanzig Jahre im Metier und erst Mitte vierzig sind, sich aber schon wie Alteisen vorkommen. „Kein Wunder, dass sich manch einer nach konzertanten Aufführungen ohne Regie-Begehrlichkeiten sehnt.“

Deborah Voigt ieß sich den Magen verkleinern

Der Jugendwahn des Klassikmarkts, die Gier nach neuen, unverbrauchten Talenten provoziert allerdings Gefährliches, wie Hilbert aus eigener Erfahrung weiß: „Früher haben Karrieren dreißig Jahre gedauert, jetzt zehn Jahre und kürzer, weil die Sänger ins falsche, allerdings besser vermarktbare Fach getrieben werden. Wer will denn noch heute eine 35-jährige ,Figaro‘-Susanna? Die wird doch gleich in die Rolle der Gräfin gedrängt.“

Besitzer einer kostbaren Stimme, die kaum Schritt hält mit dem Äußeren, haben eben Pech. Und wer glaubt, dass das Dutzend, das heute Höchstgagen kassiert und durch Talkshows gereicht wird, das vokale Nonplusultra darstellt, der irrt: Es gibt genügend Kolleginnen und Kollegen, die mit den Superstars mindestens gleichziehen könnten. Johan Botha zum Beispiel, Tenor aus Südafrika. Ein Solist, der, ob als Siegmund, Tannhäuser, Otello oder Cavaradossi, Maßstäbe setzt. Eine Jahrhundertstimme – doch die steckt im „falschen“ Körper. Bothas Terminkalender ist zwar voll, die PR-Strategen ignorieren ihn allerdings. Der Fall seiner Kollegin Deborah Voigt, die mit ähnlichen Gewichtsproblemen kämpfte, machte vor sieben Jahren Schlagzeilen. Als sie in London wegen ihrer Körperfülle aus einer „Ariadne“-Produktion gekickt wurde, ließ sie sich den Magen verkleinern. Das Gewicht ist nun dahin – die Leuchtkraft ihres Soprans leider ebenfalls.

Das Auge hört eben mit

Dass sich auf dem Opernmarkt einiges verschiebt, räumt auch Regisseur Claus Guth ein. Den Schuh als Verhinderer von dicken Sängern will er sich allerdings nicht anziehen. Die Besetzung hänge doch gar nicht vom Regisseur ab, „sondern von einem großen Opernhaus oder einem Festival, das bestimmte Sänger bringen will oder muss“. Guth geht es bei der ganzen Debatte ohnehin um anderes: „Entscheidend sind die Ausstrahlung, die Aura, auch das schauspielerische Können, um dem Zuschauer die Identifikation zu erleichtern.“ Gewiss entwickle sich die Regie hin zum Realistischen, gibt Claus Guth zu. Überdies spiele beim Engagement der Sänger die Werk-Auswahl eine wichtige Rolle: „Einen ,Don Giovanni‘ kann ich nur mit Sängern besetzen, die in jeder Sekunde dieselbe Glaubhaftigkeit haben wie Filmschauspieler.“ Gutes Aussehen dürfe indes nicht zum Selbstzweck werden. Guth geht es bei seiner Arbeit mit Sängern allein um die beseelte Stimme und um den Ausdruck. Und dafür, beruhigt der Regisseur, müsse man doch nicht durchs Fitness-Studio gestählt sein.

Die Zeiten, in denen Sänger als tönende Tonnen geschmäht wurden, sind gleichwohl vorbei. Und damit auch die Zeiten, in denen die Stimme über eine Karriere bestimmte. Das Auge hört eben mit. Und manch einer wird von den Schönlingen da vorn gleich ganz geblendet. „Man verzieht ein Publikum, wenn man ihm viel Mittelmaß bietet“, sagt Agent Hilbert. „An die Rampe stellen, laut singen – schon hat man einen Riesenerfolg. Nuancen, ausgefeilte Diktion, das wird kaum mehr gewürdigt.“ Welch Glück für sie also, dass zwei Mega-Stars zu ihrer Zeit Karriere machen durften, wie Hilbert glaubt: „Pavarotti und Caballé hätten heute keine Chance.“

Von Markus Thiel

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