Oper als modische Offensivkunst

- Es ist ja nicht nur der umkippende Dinosaurier aus Händels "Cäsar". Auch das überirdische, zum Weinen schöne Schlussduett aus Monteverdis "Poppea" auf schwarzweißem Boden. Oder der sich monumental aufrichtende Baum aus Wagners "Parsifal". Oder der Augenblick, wenn sich Edita Gruberova in Donizettis "Roberto Devereux" die Perücke vom Kopf zieht, als Königin auf Amt und Leben verzichtet: alles Momente, die sich uns ins Gedächtnis eingebrannt haben. Momente, wegen derer wir in der Ära von Peter Jonas immer wieder die Bayerische Staatsoper aufsuchten und die nun zum kollektivem Bilderschatz des Fans gehören.

Ein Vorreiter des Barock

Jonas' Amtsantritt vor 13 Spielzeiten bescherte dem Haus einen Um- und Aufbruch. Hin zu einem neuen Repertoire, hin auch - was damit verbunden war - zu neuen Publikumsschichten. Spielpläne tauchten auf einmal in Kinos und Unis auf. Der "neue Händel" wurde für viele zum Muss. Jonas' größte Leistung also: Der Barockstadt München brachte er die barocke Oper und wurde damit ein internationaler Vorreiter in Sachen Repertoire. Und das alles verbunden mit einer Regie-Ästhetik, die sich aus Pop-Art und Kino-Kunst speist. Eine hehre Götter- und Antikenwelt begegnete uns mal als Comicstrip, manchmal als schriller Krimi, zuweilen auch als respektlose Show.

Peter Jonas holte dafür seine Regie-Freunde aus alten Londoner Zeiten an der English National Opera. Oper bedeutete in München auf einmal nicht nur Kultur, sondern Kult. Sie wurde zur Offensiv- und Verpackungskunst. Ein Gegenentwurf zum deutschen Regietheater-Tiefsinn, was für naturgemäß eher zweidimensionale Figuren à` la Händel auch in Ordnung ging.

Die Probleme zeigten sich, als diese Regisseure im anderen Repertoire wilderten. Dort, wo ihre Schlüssel plötzlich nicht mehr passten, wo behutsames Hinterfragen angebracht gewesen wäre. Tschaikowskys "Pique Dame", Verdis "Macht des Schicksals", Glucks "Orpheus und Eurydike", Bergs "Lulu": Arbeiten, die nur Unzureichendes auf die Bühne brachten, die Stücke und Personen bildverliebt auf Minimaß zurechtstutzten, daher bald uninteressant wurden.

Denn das Problem der Münchner Ästhetik: Sie blieb letztlich modisch. Zum Zeitpunkt des Entstehens waren diese Aufführungen der letzte Schrei. Doch viele Produktionen, abgesehen von einigen wenigen wirklich gelungenen David-Alden-Taten, hielten dem wiederholten Hinschauen nicht mehr Stand. Sie wurden geheimnislos, entzaubert, vorhersehbar - eigentlich der Tod jedes Opernabends.

Was Peter Jonas zugute zu halten ist: Er setzte Kontrapunkte. Achim Freyer kam - leider nur ein einziges Mal - für seinen poetischen "Orfeo". Peter Konwitschny, mittlerweile als Regie-Zampano verehrt, schaffte hier mit "Parsifal" den Durchbruch. "Tristan und Isolde" ging, bedingt durch einen Streit, fast schief, in der folgenden Funkstille brachte Konwitschny in Hamburg Meisterliches heraus, Projekte, die auch in München möglich gewesen wären.

Und ein Könner wie Christof Loy, dieser bescheidene, präzise Analytiker, kam eigentlich zu spät an die Staatsoper. Händels "Saul" und "Alcina" plus Donizettis "Roberto Devereux" sind noch immer drei Perlen des Repertoires. Auch weil diese Ästhetik, die Dieter Dorns Mozart-Würfen verwandt ist, Zeitlosigkeit ausstrahlt und noch immer das Aktuellste überhaupt in den Mittelpunkt rückt: den Menschen.

Noch ein weiteres Problem barg das Barockige. In all dem Bemühen um die beiden neuen Hausgötter Händel und Monteverdi wurden die alten vernachlässigt. Im Falle von Richard Strauss bleibt eigentlich nur Herbert Wernickes monumentale "Elektra" in Erinnerung.

Bei Mozart konnte Dorns "Figaro" nicht das ausgleichen, was mit "Entführung", einer abgesagten neuen "Zauberflöte" oder einem missverstandenen "Idomeneo" alles vergeigt wurde. Dass Wagners "Ring des Nibelungen", das Vorzeigeprojekt jedes Intendanten, zum Staatsopern-GAU wurde, ist freilich nicht Jonas anzulasten: Herbert Wernicke starb nach dem "Rheingold", Einspringer David Alden öffnete sein Ideenfüllhorn und schuf einen leidlich funktionierenden Ersatz.

Bei der Moderne setzte Jonas von Reimann bis Widmann auf Maßvolles, das ist an einem solchen Haus auch angemessen. Doch viel entscheidender war eine weitere offene Flanke: Giuseppe Verdi. Was nicht unbedingt damit zusammenhängt, dass man etwa eine "Aida" heute kaum gut besetzen kann. Aber die Häufung der Reinfälle bis hin zu Doris Dörries "Rigoletto"-Tiefpunkt ist schon augenfällig - und ärgerlich.

Die Treue der Stars

Das Festhalten an Regisseuren wie David Alden zeigte auch: Peter Jonas ist seinen Künstlern treu - und sie ihm. Ausstatter Jürgen Rose bot Regie-gestressten Operngänger drei "gefahrlose" Produktionen. Kollege Andreas Homoki war öfter da. Doch vor allem Sängerstars wie Waltraud Meier, Edita Gruberova, Vesselina Kasarova, Kurt Moll, Gabriele Schnaut oder Paolo Gavanelli gehörten zum "Stamm-Ensemble" und bildeten einen Fan-Magneten besonderer Art. Und dass das Gros der Jonas-Produktionen nur von zwei Dirigenten, von GMD Zubin Mehta und Barock-Experte Ivor Bolton, betreut wurde, garantierte Kontinuität - und Flexibilität: Kaum ein Opernorchester weltweit fühlt sich schließlich bei Wagner wie Händel gleichermaßen so wohl wie das Münchner.

So fulminant also vieles in den letzten 13 Spielzeiten war, so deutlich wurde auch: Relativ bald hatte Peter Jonas seinen Kreis ausgeschritten. Und genauso bald war damit klar, welche kaum oder unzureichend beackerten Gebiete den Nachfolgern bleiben. Dass Kent Nagano gern von Tradition spricht und Klaus Bachler den Spielplan "mediterraner" gestalten will, kann daher nur Vorfreude wecken.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“

Kommentare