Oper ist mir zu oberflächlich

- Der erste Preis beim ARD-Musikwettbewerb öffnete ihm vor 15 Jahren das Tor zur Karriere. Und nun kehrt Thomas Quasthoff zurück: als Mitglied der Gesangsjury, als Weltstar, als ein Bassbariton, dessen singuläre Kunst die Contergan-Behinderung verdrängt hat. Quasthoff ist überdies Gesangsprofessor an der Hochschule in Detmold und wagte sich heuer erstmals ins Opernfach. Im Salzburger "Fidelio" sang der 43-Jährige zu Ostern den Minister, an der Wiener Staatsoper tritt er ab April als Amfortas im "Parsifal" auf.

<P>Was haben Sie 1988 über die Jury gedacht?</P><P>Quasthoff: Meine Jury war menschlich toll. Der Vorsitzende sagte: Bevor Herr Quasthoff anfängt zu singen, lasst uns die Augen schließen und nur hören, was er musikalisch mitzuteilen hat. Und ich bin mit meinem Pianisten in jeder Runde raus und meinte: Jetzt machen wir einfach schöne Musik. Ich hatte wirklich erwartet, dass ich nach dem ersten Durchgang nach Hause muss.</P><P>Wie wichtig sind Wettbewerbe für die Karriere?</P><P>Quasthoff: Ich wäre ohne die Wettbewerbe so weit gekommen wie heute, es hätte aber länger gedauert. Gerade weil ich ins Konzertfach gegangen bin und nicht zur populäreren Oper konnte. Aber es ist härter, sich eines Preises als würdig zu erweisen, als den Wettbewerb zu gewinnen. Die Erwartungen sind dann viel, viel höher.</P><P>Wie sähe ein idealer Wettbewerb aus?</P><P>Quasthoff: Keiner der Kandidaten darf jemals mit einem Jury-Mitglied gearbeitet haben. Ich habe einmal bei einem Wettbewerb mitgemacht, da war ich stinksauer, weil hinter den Kulissen bewusst geschoben wurde. Die ARD-Ausscheidungen vor 15 Jahren habe ich dagegen als sehr fair erlebt.</P><P>Die Gesangsjury ist heuer eine illustre Runde - wobei völlig verschiedene Generationen und Vokalstile aufeinander treffen. Wer garantiert, dass kein Kompromiss-Sieger dabei herauskommt?</P><P>Quasthoff: Keiner. Ich glaube aber, dass sich wirkliche Qualität durchsetzt. Also nicht nur Stimme, sondern Präsenz, Ausdrucksvermögen, Textverständlichkeit, auch Aussehen. Wir haben nicht nur Musik zu transportieren, sondern auch Worte, Inhalte. Die schönste Stimme nützt nichts, wenn da einer in Birkenstock-Schlappen steht und eine Ausstrahlung hat wie 'ne Wanderdüne. Umgekehrt: Wenn jemand nicht singen kann, aber aussieht wie Anna Netrebko, bringt's ebenfalls wenig.</P><P>Letzteres droht aber vom "Markt" gefördert zu werden.</P><P>Quasthoff: Wollen Sie damit sagen, dass Frau Netrebko nicht singen kann? Oder Magdalena Kozena? Ich wüsste keinen Künstler, gerade bei der Deutschen Grammophon, der schlecht singt. Ich habe Anna Netrebko gerade live erlebt. Da kommt diese Frau auf die Bühne, und man macht nur: "Booaaa!" Und dazu noch die Stimme! Natürlich geht's auch anders. Ich sehe durch meine Behinderung sicher nicht aus wie Alain Delon, aber ich glaube, dass ich was kann. Und das macht mich ein bisschen stolz. Thomas Hampson hat's sicher leichter gehabt.</P><P>Haben sich die Voraussetzungen für junge Sänger geändert?</P><P>Quasthoff: Heute ist es viel schwerer, von diesem Beruf leben zu können. Weil immer mehr Mittel gekürzt und Stellen eingespart werden.</P><P>Was lehren Sie also neben vokaler Technik?</P><P>Quasthoff: Das Wissen, wie man sich musikalisch ausdrückt. Selbstständigkeit. Sich selbst streng kontrollieren zu können. Und das Wissen, wann man mit wem etwas am besten singt. Also sich Zeit lassen, ruhig mal über Provinzhäuser gehen.</P><P>Das Nein sagen wird angesichts der Konkurrenz aber schwieriger.</P><P>Quasthoff: Klar. Doch es geht. Es gibt ein grundlegendes Problem: Die Hochschulen müssen mehr Leute aufnehmen, als sie sollten, weil die Ministerien sonst Stellen kürzen. Also wissen wir Lehrer, dass wir Arbeitslose produzieren. Das ist ganz schlimm. Und viele Leute, die keine Arbeit kriegen, werden Gesangslehrer und produzieren, weil sie selbst nichts können, Schrott. Und wenn ich so was sage, werde ich von Ministeriumsmenschen, die keine Ahnung haben, als einer hingestellt, der meckert. Mit einer unbefristeten C 4-Professur kann ich mir das auch erlauben. Aber viel zu viele Kollegen tun's eben nicht . . .</P><P>Ist das jetzt ein neuer Karriereabschnitt für Sie? Unterrichten, mehr Opernrollen?</P><P>Quasthoff: Na ja, ich unterrichte seit zehn Jahren. Ich bin sehr stolz und glücklich, in Simon Rattle, Donald Runnicles oder Claudio Abbado Dirigenten zu kennen, die mich zur Oper ermutigt haben. Ich kann vielleicht auch durch meine Textverständlichkeit der Oper etwas Innovatives geben. Ansonsten ist mir das Operngeschäft zu oberflächlich. Fahren Sie doch nach Bayreuth: Wenn Sie Glück haben, verstehen Sie mal einen Sänger. Und die Leute kommen danach raus: "Hach, wunderbar!" Die Stimme der Callas war sicher fernab jeglichen Schönklangs. Aber was für ein Ausdruck! Was für eine Textdurchdringung! Da müssen wir wieder hin.</P><P>Wobei das Diven-Zeitalter womöglich vorbei ist.</P><P>Quasthoff: Ach, ein paar Diven als Identifikationsfiguren brauchen wir doch. Wenn sich allerdings Frau Gheorghiu auf der Bühne die Lippen anmalt, während ihr Mann singt, krieg' ich die Krise. Und dann werden teilweise Gagen gezahlt, die ich für idiotisch halte. Deswegen und weil Säle wie die Münchner Philharmonie so hohe Mieten verlangen, sind Karten utopisch teuer. Eine dreiköpfige Familie kann sich ein Konzert kaum mehr leisten. Und ein Herr Vengerov muss nicht 50 000 Euro pro Abend bekommen, so gut ist niemand. Und ich nicht 20 000 Euro für nen Liederabend. Von 10 000 kann ich auch leben. Weiter runter gehe ich jetzt nicht, sonst werden die Veranstalter wach (lacht). Von der Klassik wird man doch nicht reich - es sei denn, man heißt Bocelli.<BR></P>

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