Krieg und Frieden im Prinzregententheater: Husar Stefan Koltay (Daniel Prohaska, li.) trifft seine einstige Liebe, Viktoria (Alexandra Reinprecht, re.), wieder; daneben Riquette (Katja Reichert) und John Cunlight (Erwin Windegger).

Gespräch zur Premiere

Operette mit jazzigem Pfiff

München - Michael Brandstätter zur Gärtnerplatztheater-Produktion „Viktoria und ihr Husar“, die fast 70 Jahre nicht zu sehen war.

Die Herzen der eingefleischten Operettenfans werden schon beim Lesen des Titels im Dreivierteltakt schlagen. Exotische Schauplätze, eine herzerwärmende Liebesgeschichte und eine vor mitreißenden Ohrwürmern geradezu überschäumende Partitur. All das und noch viel mehr bringt „Viktoria und ihr Husar“ mit. Wie konnte es also passieren, dass Paul Abrahams berühmteste Operette seit bald sieben Jahrzehnten nicht mehr in Münchens Tempel der leichten Muse am Gärtnerplatz auf dem Spielplan stand?

Eine gute Frage, die auch Dirigent Michael Brandstätter während  der Proben zur anstehenden Neuproduktion immer wieder beschäftigt hat und angesichts der Qualität der Partitur kaum zu erklären ist. Für den gebürtigen Österreicher ist das 1930 in Budapest aus der Taufe gehobene Stück trotz zahlreicher Schlager wie „Mausi, süß warst du heute Nacht“ oder dem groß auf den Plakaten prangenden „Meine Mama war aus Yokohama“ aber weit mehr als einfach nur eine unterhaltsam bunte Revue. „Deshalb kommt es mir sehr entgegen, dass man sich hier am Haus wirklich ernsthaft mit dem Genre Operette beschäftigt. Dass man die Stücke hinterfragt, ihre Entstehungsgeschichte unter die Lupe nimmt und sich Gedanken macht, wie man das heutzutage präsentiert. Vor allem auch musikalisch. Gerade nach dem Krieg ist ja in der Operette einiges an Bearbeitungen passiert, um Stücke an den Zeitgeschmack anzupassen und sich eine heile Gegenwelt zu konstruieren.“

Wer bislang nur die Leinwandversion mit Eva Bartok aus den Fünfzigerjahren oder die ZDF-Verfilmung von 1975 im Hinterkopf hat, darf sich jetzt auf die eine oder andere neue Hörerfahrung gefasst machen. Denn wie schon beim „Weißen Rössl“ greifen Regisseur Josef E. Köpplinger und sein Team nun auch bei „Viktoria und ihr Husar“ auf die erst vor Kurzem neu erschienene Rekonstruktion der Originalpartitur zurück. Gleich drei verschiedene und vom Komponisten selbst autorisierte Orchesterbesetzungen wurden vom Verlag zu Tage gefördert, von denen im Prinzregententheater nun erstmals wieder die große Fassung im Graben erklingt. Neben den breit schwelgenden Streichern, bei denen für Michael Brandstätter Puccini oft nicht allzu weit ist, bewegt man sich aber auch hier für manche Nummern wieder in kleinerer Formation, zum Beispiel dem Jazztrio. Je nachdem, wie es die dramatische Situation auf der Bühne verlangt. „Verglichen mit vielen anderen Werken der damaligen Zeit, haben wir hier einen unglaublich reichen und breit aufgefächerten Klang.“ Denn Abraham huldigte in seinem Meisterwerk keineswegs nur den großen walzerseligen Operetten-Vorbildern, sondern ließ sich ebenso vom damals immer populärer werdenden Tonfilmschlager oder Jazz-Klängen beeinflussen.

Die Geschichte selbst folgt dem ungarischen Husaren Stefan Koltay, der nach der Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft in der US-amerikanischen Botschaft in Tokio Zuflucht findet. Und wie es der Zufall will, ist die Frau des dortigen US-Diplomaten niemand anderes als Koltays Jugendliebe Viktoria. „Natürlich war es ein dramaturgischer Kunstgriff der Librettisten, dass man die Handlung in Sibirien, Ungarn und in Japan spielen lässt. Damit konnte man musikalisch unglaublich viel machen und beim Aufeinandertreffen von Europa und Asien auch einiges an Witz hineinbringen. Also nicht nur jede Menge Herzschmerz, sondern eben noch einmal eine ganz andere Dimension, die das Stück meiner Meinung nach bis heute so interessant macht. Und das durchaus auch für ein jüngeres Publikum.“

Die Tatsache, dass das Werk so lange nicht im Repertoire war und somit auch für das Orchester Neuland bedeutete, sieht Brandstätter dabei als Chance, weil man so auf der Bühne ebenso wie im Graben viel unbefangener und offener an die Sache herangehen konnte. Anders als bei manchem liebgewonnenen Klassiker, bei dem das Publikum schon mit einer festen Erwartungshaltung das Theater betritt. Die neue „Viktoria“ des Gärtnerplatztheaters wird nun zum Beispiel in einer guten Spielfilmlänge von rund 110 Minuten ohne Pause durchlaufen, um den großen Bogen nicht zu unterbrechen und die Spannungskurve zu halten.

Also keine Revue-Operette, oder doch? „Natürlich haben Chor und Ballett auch bei uns wieder einiges zu tun, aber wir haben uns bemüht, das Ganze sehr kurzweilig zu gestalten und die Geschichte auf ihren dramatischen Kern zu konzentrieren. Denn auch wenn es viele opulente Bilder gibt, bleibt das Stück im Grunde doch immer ein Kammerspiel.“

Tobias Hell

Premiere

Donnerstag, 16. Juni; Tel. 089/ 21 85 19 60.

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