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Fasching à la Johann Strauß: Szene aus dem zweiten „Fledermaus“-Akt mit Daniel Fiolka (Eisenstein) und Sibylla Duffe (Adele). Premiere der Inszenierung von Ulrich Peters ist an diesem Donnerstag.

"Fledermaus": Operette als Teenie-Aufstand

München - Bariton Daniel Fiolka singt den Eisenstein in der neuen „Fledermaus“ am Gärtnerplatz. Mit dem Münchner Merkur sprach der gelernte Sänger über die Premiere der Operette "Fledermaus" und seine Rolle. Ein Porträt:

Franz Lehár oder wie jetzt gerade Johann Strauß? Hätte er gar nicht nötig. Denn wer zu Gymnasialzeiten selbst Notenblätter vollschreibt, die halbe Schule für seine eigene Operette einspannt, dabei sogar den Direktor für eine Travestie-Nummer inklusive Playback-Gesang begeistert, der braucht fürs plüschige Humtata keine „Fledermaus“. Gut möglich also, dass aus Daniel Fiolka so etwas wie der (zu?) späte Nachfahre der leichten Musenmänner geworden wäre. Doch gelernt hat er schließlich Sänger. Was unterm Strich wohl besser ist für ihn – und fürs Münchner Gärtnerplatz-Publikum, das seinen wohltuend Schmäh-freien „Zauberflöten“-Papageno oder den genervt-aufgekratzten Regisseur in „Viva la Mamma“ regelmäßig belacht.

In der neuen „Fledermaus“ übernimmt Fiolka nun den von Faschingsstreichen gebeutelten Eisenstein, Premiere ist an diesem Donnerstag, Hausherr Ulrich Peters inszeniert. Und angesichts von Fiolkas Operetten-Vergangenheit ist dieses Münchner Rollendebüt nur logisch. „Ich war ja nie auf der Rock-Schiene“, sagt der 36-Jährige. „Ich habe junge Eltern. Meine Mutter arbeitet beim TÜV, mein Vater ist Kfz-Mechaniker, beide sind pop- und rockmäßig drauf – da war das wahrscheinlich meine pubertäre Gegenwehr.“

Regisseure, zumal bei der Operette, dürften es mit dem gebürtigen Hagener leicht haben: einfach zurücklehnen und spielen lassen. Denn wer Daniel Fiolka aus seiner – immerhin schon zwanzigjährigen – Bühnenkarriere erzählen hört, bedauert, dass keine Kamera mitläuft. Wenn er etwa im rasanten Sprechtempo vom Vorsingen- und Vortanzen bei „Jesus Christ Superstar“ berichtet, bei dem er seinerzeit noch gut hundert Kilo Lebendgewicht in Bewegung versetzen musste. Oder vom zweimaligen Einsatz beim Operettenfestival in Schönebeck „im Nirwana südlich von Magdeburg“. Oder, für die Rolle des faschingsgebeutelten Eisenstein nicht unerheblich: von seiner Flucht vor dem rheinischen Karneval, als er im Düsseldorfer Opernstudio engagiert war. Der Bonner Karneval liegt ihm ohnehin mehr: „Mein Schwiegervater ist bei ,De Sprittköpp‘, die verschenken belegte Brötchen und literweise Erbsensuppe. Find’ ich besser als Kamelle, nach so was haben wir uns früher ja nicht mal gebückt.“

Verheiratet ist Daniel Fiolka mit einer Kollegin. Mezzosopranistin Kerstin Descher ist am Theater Augsburg engangiert, in einer Stadt also, in der beide mit ihrem sechsjährigen Sohn wohnen. Sechs Jahre lang waren sie auch im selben Ensemble, nämlich am Theater Vorpommern, bevor sie nach Bayern kamen. Problematisch finden sie eine Sänger-Ehe nicht, im Gegenteil: „Es gibt für uns viele andere Themen außerhalb der Musik, unser Sohn, hilft uns, im normalen Leben zu bleiben“, sagt Fiolka. „Außerdem haben wir naturgemäß beide Verständnis für diese komischen Sänger-Marotten.“

Auf seine Operetten lässt Daniel Fiolka, der darüber hinaus noch Mozarts „Figaro“-Grafen oder Gounods Albert („Werther“) im Repertoire hat, nichts kommen. „Ich halte Operette für viel moderner als das klassische Musical. Es gibt doch zum Beispiel nichts Älteres als ,Kiss me Kate‘, das Stück ist irgendwie in den Fünfzigern stecken geblieben.“ Die Operetten träfen dagegen noch heute den Nerv, und das nicht nur bei den grauhaarigen Mitgliedern des Zuschauer-„Silbersees“ – mit einer Einschränkung: „Nicht die Partitur, wohl aber die Texte sind manchmal alt, da braucht’s ’ne Nachbesserung.“

Für Daniel Fiolka, der Komiker wie Jim Carrey, Bastian Pastewka oder Christoph Maria Herbst („Stromberg“) verehrt, wäre durchaus ein Seitensprung ohne Musik denkbar: „Obwohl es da tolle Spezialisten gibt – ich traue mir Boulevard-Komödie schon zu.“ Dummerweise gebe es da ein Problem: „Wir sitzen alle in unseren Schubladen. Typisch deutsch eben – am besten muss man hier noch ’nen Schein bringen für den Komikernachweis.“

Am Gärtnerplatztheater, wo Sänger mit rudimentärem Spieltalent eher weniger gebraucht werden, ist Daniel Fiolka also bestens aufgehoben: „Das Haus und ich haben uns irgendwie gewählt.“ Die Akklimatisationsphase ist für den neuen Eisenstein längst abgeschlossen – und der Münchner Fasching mittlerweile akzeptiert: „Der findet ja eigentlich während der Wiesn-Zeit statt. Die Leute verkleiden sich mit Trachten, sind alle betrunken und tanzen zu Musik, die sie das ganze Jahr nicht hören – ganz wie am Rhein eben.“

Von Markus Thiel

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