Operetten-Premiere: Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“

München - Vor dem Umbau gehörte die sommerliche Operette zu den Fixpunkten im Programm des Deutschen Theaters. Warum also die leichte Muse nicht auch im Fröttmaninger Ausweichquartier weiter pflegen, das inzwischen sogar mit ein wenig goldenem Schnickschnack an der Decke aufgehübscht wurde.

Frisches Blut hat man sich für den Operetten-Relaunch wohl ebenfalls vom Salzburger Operettentheater erhofft, das nun in die Fußstapfen der bislang dominierenden Kollegen aus Budapest tritt und mit Kálmáns „Csárdásfürstin“ einen zugkräftigen Titel im Gepäck hat. Dessen Melodien verlieren auch in tourneetauglich abgespeckter Orchestrierung ihre Wirkung nicht. Obwohl die elektronische Verstärkung im Theaterzelt manchmal einen ziemlichen Einheitsbrei daraus macht, durch den sich die Leistung von Dirigentin Katalin Doman nicht wirklich objektiv beurteilen lässt.

Neben diesem kleinen Schönheitsfehler hat die Produktion aber noch gegen eine andere Hypothek anzuspielen. Denn vielen Münchner Operettenfreunden dürfte wohl Franz Winters Inszenierung am Gärtnerplatz noch in guter Erinnerung sein, welche „Die Csárdásfürstin“ einst als wilden Tanz am Rande des Abgrunds auf die Bühne gebracht hatte, über dem stets das Damoklesschwert des Ersten Weltkrieges schwebte. Bei der Wiener Regisseurin Lucia Meschwitz ist das Geschehen nun weitestgehend frei von solchen Assoziationen oder anderen kritischen Ansätzen. Stattdessen bietet sie drei Stunden lang eine heile Operettenwelt aus bunt bemalten Wänden, in der sich elegant gewandete Damen von Herren im Frack hofieren lassen, ab und zu ein paar fesche Ballettmäderl durchs Bild hüpfen und die Zuschauer wahlweise im Takt mitklatschen oder selig vor sich hin summen dürfen. Was zwar das Zielpublikum erfreut, Kálmáns Werk aber doch zuweilen etwas unter Wert verkauft.

Die Darsteller schlagen sich unter diesen Umständen mehr als achtbar und fügen sich tapfer ins Klischee. Titelheldin Judit Bellai ist eine sympathische Bühnenerscheinung, die aber noch nicht ganz über das glamouröse Divenpotenzial verfügt, das die umjubelte Chansonnière Sylva Varescu zumindest bei ihren Revue-Auftritten bräuchte. Wie man das Publikum selbst in einer Nebenrolle mühelos um den Finger wickelt, demonstriert Franziska Stanner, als standesdünkelnde Schwiegermutter in spe, die mit dem eingefügten „Sterne der Bühne“ auch noch ein laut beklatschtes Solo abbekommen hat. Viel von ihrem Temperament hat jedoch nicht gerade auf den gleich mehrfach verlobten Bühnensohn Daniel Zihlmann abgefärbt, der als Edwin seine hohen Töne mit viel Krafteinsatz erarbeitet und sich von Christian Bauers Graf Boni wiederholt an die Wand spielen lassen muss.

Bauer mutiert so zum eigentlichen Protagonisten des Abends und weiß als bühnenerfahrener Buffo genau, wann er welches Register zu ziehen hat, um beim Publikum zu punkten. Und dass er überdies auch noch hervorragend mit der blond gelockten Komtess Stasi von Katrin Fuchs harmoniert, gibt den Szenen des Paares noch den letzten Schwung. Da macht es dann auch nichts mehr, dass viele Gags oft arg abgestanden daherkommen. Kálmáns Musik reißt es schon raus. Etwas anspruchsvoller darf man in Sachen Inszenierung aber künftig auch gerne bei der Sommeroperette werden.

Von Tobias Hell

Weitere Vorstellungen

bis 14. September; Karten: 089 / 55 23 44 44.

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