Operettenschmäh trifft Splatterfilm

München - Intendant Martin Kusej inszenierte mit Knall-Effekten am Residenztheater „In Agonie“ von Miroslav Krleza

Es waren die ganz Hartgesottenen, die sich da im Münchner Residenztheater eingefunden hatten. Darum begrüßte Intendant Martin Ku(s)ej bei der Premiere die Helden des Theaterbesuchs persönlich, die bereit waren, seiner sechseinhalbstündigen Marathon-Inszenierung „In Agonie“ beizuwohnen. „Es ist nicht langweilig“, versprach der Regisseur, und mit diesem Selbstlob lag er nicht einmal so falsch. Trotzdem erwartet man im Staatstheater doch mehr als leidlich unterhaltsame Krimi-Spannung.

Zunächst kamen aber die Antiquitätenliebhaber auf ihre Kosten: Unzählige Gründerzeitstühle und gediegene Ledersofas hat Bühnenbildnerin Annette Murschetz zu einem bewohnten Möbellager versammelt, zu einem Hindernisparcours und beengenden Labyrinth aus Hemmschwellen, das den Salon der vornehmen Leute als Ort der Zwänge und Erstarrung entlarvt. Schuld an dieser theatralen Plüsch- und Rindsleder-Orgie ist - indirekt - der Erste Weltkrieg, dessen dräuendes „Jubiläum“ (2014) seine Schatten vorauswirft: Das Triple-Feature, das Ku(s)ej inszenierte, besteht aus drei Dramen von Miroslav Krlea (1893-1981), die vor, in und nach dem Krieg spielen.

Das bitter ernst gemeinte, aber ungewollt bizarre Ergebnis ist eine Mischung aus altösterreichischem Operettenschmäh und Splattermovie. Ein Kostümfilmverschnitt voller Monokel, Fräcke, Uniformen. Irgendwie passt diese Hollywood-Ästhetik auch zur gut gemeinten didaktischen Holzschnittdramatik des kroatischen Autors, der außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannt und als Dramatiker wohl doch keine große Entdeckung ist. Denn was er hier zu bieten hat, ist in den besseren Passagen gekonntes Kunstgewerbe, meist aber nur pralle Kolportage, strotzend von Klischees und bevölkert mit konfektionierten Charakteren.

Was Ku(s)ej geritten hat, diese Stücke, die nach Verfremdung schreien, ganz konventionell vom Blatt zu spielen, bleibt sein Geheimnis. War es, wie die Juristen-Figuren bei Krlea immer sagen, „vis maior“, also höhere Gewalt?

Teil eins, „Die Glembays“, angesiedelt am Vorabend des Ersten Weltkriegs, beginnt mit heftigem Gewitterdonner und erzählt vom Untergang einer österreichisch-ungarischen Bankiersfamilie, der natürlich symbolisch für die innere Verrottung der K.u.k.-Monarchie steht. Denn in dem heuchlerischen Großbürgerclan geht’s zu wie bei Hempels unterm Sofa: Beim Streit mit seinem Sohn Leo (Johannes Zirner als zynischer Künstler), der als waschechter Nonkonformist über die Möbel-Hindernisse läuft, rafft ein Herzinfarkt den Patriarchen Ignaz Jacques Glembay dahin. Post mortem entpuppt sich dieser joviale Finanzmagnat (Manfred Zapatka) aber als Ganove im Gehrock, der „sieben Millionen Passiva“ hinterlässt; als Bankrotteur, der auch seine Frau durch Wechselfälschung ausraubte. Und vorher war schon zu erfahren gewesen, dass diese zweite Gattin (Sophie von Kessel), die so gern die Mondscheinsonate „exekutiert“, nicht nur ihre Vorgängerin auf dem Gewissen hat, sondern vom Stiefsohn bis zum Beichtvater alles vernaschte, was sie an Männern erwischen konnte. Außerdem gehört zur Familie noch eine Nonne, die es mit dem Kardinal treibt, damit auch kein Stereotyp ausgelassen sei. In dieses herzige Idyll platzt die Nachricht vom Kriegsausbruch, und allen ist klar: „Das wird uns retten!“ - Ja von wegen.

Denn postwendend hören wir in der zweiten Abteilung, „Galizien“, lauten Kanonendonner und sehen österreichische Offiziere anno 1916 an der russischen Front in einem zerstörten Schulhaus. Kinderleichen liegen im Dreck, die tote Lehrerin lehnt in der Ecke. Nach Alkohol-, Sexual- und Gewaltexzessen, die Kriegsverrohung wie Militarismus in ihrer ganzen Widerwärtigkeit zeigen, wird Kadett Horvat (Shenja Lacher als tragischer Märtyrer der Menschlichkeit) gezwungen, eine ukrainische Oma aufzuknüpfen. Und nach dieser düsteren Szene im Dauerregen wirkt es seltsam konsequent, wenn sich die prächtig uniformierten Herrenmenschen am Schluss im Offizierscasino alle gegenseitig niederknallen. Spätestens da mutiert dieser Historienschinken mit seiner dick aufgetragenen Groschenroman-Ästhetik zur unfreiwilligen Monty-Python-Groteske.

Ins Erschießen mündet dann auch das letzte Dramolett, das 1922 im Milieu der deklassierten alten Eliten der Donaumonarchie spielt - und auf einer strahlend weißen, leeren Bühne: Baronin Lenbach (Britta Hammelstein) leidet unter ihrem Gatten (Götz Schulte), der das Geld verspielt, das sie, zwangsweise emanzipiert, mit ihrer Boutique verdient. Klar, dass er seine Frau nicht für ihren Geliebten, einen Rechtsanwalt, freigeben will. Aber nachdem sich der Baron totschießt, erweist sich auch der Jurist (großartig: Markus Hering) als eloquenter Schaumschläger, weshalb die Baronin ebenfalls mit der Pistole fuchtelt und sich entleibt. Vermutlich. Denn ehe es kracht, fällt gnädig der Vorhang. An knalligen Effekten hat man an diesem Abend voller Theaterdonner nämlich schon genug erlebt. Freundlicher, erschöpfter Beifall.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen

am 8., 9. und 30. Juni;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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