Opernauftritt mit Bravour

- Von ganz prosaischen Dingen ist die Rede: Von LKWs, die über die Autobahnen rauschen, beladen mit Fleisch, Gemüse, Kraftstoff. Von Kabeln und Drähten, durch die Daten und Mails sausen. Von Zinsen, die fallen, Prozenten, die steigen - derweil die Lichter in den Wohnsiedlungen ausgehen. Es ist Nacht. Aufgefächert in all ihren Farben tönt sie herauf aus vielstimmigem Knabengesang, aus Mund- und Luftgeräuschen, Streicher- und Bläserklängen, Klaviertönen, Weinglas-Sirren und Bandeinspielungen. Ein Zaubergemisch - Poesie pur.

<P>Die elfte Szene ist die vielleicht suggestivste in Jörg Widmanns erster Oper "Das Gesicht im Spiegel", die bei den Münchner Opernfestspielen im Cuvillié´stheater uraufgeführt und heftig beklatscht wurde. Intendant Peter Jonas hatte den Komponisten beauftragt, zum Jubiläum "350 Jahre Oper in München" einen zeitgemäßen Beitrag zu leisten. Roland Schimmelpfennig lieferte das aktuelle Libretto zum heißen Thema: Menschen klonen.</P><P>Widmann, der 30-jährige Münchner, erobert die Opernbühne mit Bravour. Er besitzt Fantasie und Kraft, um mit den eigenen musikalischen Mitteln einen Einakter von fast "Rheingold"-Länge (zwei Stunden, 15 Minuten) auf die Bühne zu stemmen. Mit Duett, Terzett und Quartett, mit großen Einzelszenen und (Kinder-)Chören zollt er der Oper formal Tribut, ohne sich anzubiedern. Denn er bleibt kühn in seiner Klangsprache und reizt die instrumentalen wie gesanglichen Möglichkeiten virtuos aus. Trotz ihrer Komplexität, ihrer ungemein dichten Struktur bewahrt Widmanns Musik Transparenz, fasziniert mit Sinnlichkeit und Emotionalität. </P><P>Dass sie den Zuhörer bannen kann, dafür sorgt Dirigent Peter Rundel mit zwanzig Musikern - aus dem Staatsorchester und einigen Spezialisten. Souverän und mit klarer Zeichengebung lotst er die Instrumentalisten (kaum Streicher, Holzbläser, wenig Blech, verschiedene Gitarren, Klavier, Celesta, Akkordeon und viel Schlagwerk) durch die minuziös notierte Partitur mit ihren Klangflächen und Clustern, ihrem reichen Geräuschspektrum, ihren rhythmischen Kapriolen und Repetitionen, ihren schrägen, wilden Walzerreminiszenzen. Auch die Sänger leitet Rundel an sicherer Hand, lässt ihnen Raum für ihre stimmlichen Drahtseilakte. Widmann wusste, für wen er schrieb und kostete das Angebot geradezu schamlos aus.</P><P>Vor allem Salome Kammer als Konzernchefin Patrizia jagt er durch ihr hochartifizielles Laut- und Ton-Repertoire, und die Stimmakrobatin röchelt, zischt, krächzt und kreischt auf den Viertelton exakt und stets kontrolliert - bis hinein in den furiosen Laptop-Orgasmus. Die beiden uraufführungs-gestählten Baritone, Dale Duesing als Ehemann Bruno und Richard Salter als Bio-Ingenieur Milton, laden ihre mit heiklen Sprüngen (bis ins Falsett) gespickten Partien mit Hochdruck auf. Im "Gesang" demaskiert der Komponist diese drei Menschen als Krüppel - zerstört durch ihre Gier nach Erfolg, Geld, Macht. Und setzt ihnen im Klon Justine ein Wesen entgegen, das, obwohl unwissend und unsicher, sie aussticht: mit Gefühl.</P><P>Gläserne Klänge umgeben dieses Reagenzglas-Geschöpf, einmal sogar eine feine Violin-Melodie. Justine vertraut der Komponist die menschlichen Töne an - zarte Vokalisen, lyrische Kantilenen - und begleitet ihren verzweifelten Suizidversuch mit einer von Klarinetten getönten, abgrundtiefen Trauermusik. Bis hin zum finalen "Wenn ich kein Mensch bin, dann will ich sterben", erfüllt Julia Rempe (trotz Indisposition bei der Premiere) die Partie mit Gefühl und innigem Ausdruck. </P><P>Orchester beim Liebesakt</P><P>Starke, verstörende Momente steuern die Buben (vom Tölzer Knabenchor und vom Kinderchor der Staatsoper) bei: Als gleichförmige, blonde Klone in futuristisch stilisierter Kadetten-Uniform (Kostüme: Martin Krämer) kündigen sie poetisch Tag und Nacht an, schnarren als Arbeitssklaven an den Laptops das Alphabet der Wirtschafts- und Computer-Sprache herunter, rasseln mit Polit-Begriffen und Automarken, schreien in ihre Handys und hocken als Mini-Businessmen auf ihren Aktenkoffern. Sie lesen "Capital".</P><P>Unheimliche, wissende Kinder. In ihren Szenen entwickelt die Aufführung ihre stärkste Suggestionskraft. Da verzahnen sich Widmanns Musik, Schimmelpfennigs Text und Falk Richters Inszenierung fugenlos. Ansonsten nicht immer, was zu einigen - durchaus kürzbaren - Längen führt. Vor allem die Szene einer kaputten Ehe quält den Zuschauer in ihrer sprachlosen Zerdehnung. Im hektisch zugespitzten ersten Teil unterstreicht Richters Regie das Groteske, treibt er die Figuren, Patrizia vor allem, ins Karikieren. Perfekt gelingt in Katrin Hoffmanns kühlem Ambiente mit Aluminium gerahmten Milchglas-Wänden und variablen Tischen der Einsatz der Videofilme: Vom raschen Großstadtverkehr und von den rasanten Werbeclips bis zu den langsamen Amateur-Schwenks ins Private folgen sie dem Tempo und der Entwicklung des Stücks. Die auch eine vom Satirischen zum leicht Sentimentalen ist. Von der bösen Gesellschaftssatire zum Beziehungsdrama.</P><P>Aber das ist große Oper - als Kraftwerk der Gefühle - immer. Kein Wunder also, dass die Musik damit am besten zurecht kommt, ohne an Substanz, an Farbe und Spannung zu verlieren. Lediglich bei Flugzeugstart und -absturz verfällt sie zu stark ins Illustrative, Filmische. Anders beim Liebesakt zwischen Bruno und Justine (in der Proszeniumsloge). Da ironisiert das rhythmisch keuchende und jaulende Orchester den unsichtbaren Akt bevor es ihn - Miltons Eifersucht folgend - in brutaler Gewalt eskalieren lässt.<BR>Darf die Kunst, kann die Oper da mitreden, wo Wirtschaft und Religion, Naturwissenschaft und Philosophie, Politik und Ethik sich raufen? Widmanns Antwort gibt Justine. <BR></P>

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