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Thriller um eine angeblich Besessene: Barrie Kosky inszeniert "Der feurige Engel" mit Evgeny Nikitin und Svetlana Sozdateleva.

Premiere an der Bayerischen Staatsoper

Barrie Kosky: „Ich bin nicht die Operettenkönigin“

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München - Barrie Kosky, Deutschlands kultigster Opernchef, inszeniert in München Prokofjews „Der feurige Engel“.

Schrill-Schräges à la Komische Oper: Koskys Berliner Produktion "Kiss me Kate"

Es gibt Leute, die zählen die Minuten, bis sich der erste männliche Knackhintern auf der Bühne zeigt. Teils, weil man sich davon hübsche Einsichten erhofft, teils, weil man ob der Backen-Inflation schon genervt ist. Blanke Tatsachen, die derzeit einfach zur Komischen Oper Berlin gehören, zu ihren Operetten und Musicals, die in den Inszenierungen ihres Hausherrn so aussehen, als feiere die Revue der Zwanzigerjahre schwül-schräge Wiederauferstehung.

Ansprechen darf man Barrie Kosky darauf schon. Doch man muss sich gefasst machen, dass ein Schwall – zu 60 Prozent gespielter – Empörung zurückkommt. „Eine Unverschämtheit des deutschen Feuilletons“ sei dies, ihn in diese Schublade zu stecken. Rund 80 Inszenierungen habe er schon gemacht, davon nur zwei Musicals und drei Operetten. „Und trotzdem heißt es immer: Kosky, die Operettenkönigin aus Berlin!“

Es mag ihn ärgern, doch: Der Mann ist eine Marke. Kosky, der Australier, der immer so spricht, als habe man Howard Carpendale zu schnell abgespielt, passt nach Berlin wie – so würde es ein Bayer ausdrücken – der Arsch auf den Eimer. Besser jedenfalls als der von Weihrauchfassschwenkern umgebene ewige Generalmusikdirektor Daniel Barenboim an der Deutschen Staatsoper oder der kaum zu bundesweiter Berühmtheit gekommene Intendant der Deutschen Oper. Dietmar Schwarz heißt er übrigens.

Barrie Kosky

An der Bayerischen Staatsoper inszeniert Kosky gerade zum zweiten Mal. Nach einer – natürlich – sehr aufgekratzten „Schweigsamen Frau“ von Richard Strauss Anno 2010 nun einen symbolistischen Thriller, bei dem sich Lack-Leder-Eskapaden verbieten. „Der feurige Engel“ von Sergej Prokofjew erzählt von einer Frau, Renata, die einer geheimnisvollen, gespenstischen Jugendliebe nachhängt, einem „feurigen Engel“. Sie glaubt, dass sich der irgendwann Verschwundene in einem anderen Mann manifestiert habe – und lässt sich bei der Suche von Ruprecht, unsterblich in Renata verliebt, helfen. Die Frau gilt schließlich als besessen und landet im Kloster, wo sie einem Exorzismus unterzogen wird.

„Besessen“? Auf gar keinen Fall dürfe man das gleichsetzen mit „verrückt“, betont Kosky. Vielleicht sei dies ja auch so ein Problem der deutschen Kultur. Andernorts, eben in Russland, wo auch in Dostojewskis Romanen eine „hochemotionale Temperatur“ herrsche, bedeute dies etwas ganz anderes: Leidenschaft. „Renata glaubt zu 100 Prozent an den Engel. Die Herausforderung ist, dass man Mitleid für diese Figur weckt, sie muss eine gewisse Melancholie ausstrahlen.“ Sie kämpfe mit etwas – „und das ist der Motor des Stücks“.

In zwei pausenlosen Stunden will Kosky das Drama aufrollen, ohne Engel, ohne Flügel, ohne Feuer. Vielleicht, so orakelt der 48-Jährige, kennen sich ja Renata und Ruprecht von früher. Vieles werde man im Unklaren lassen bei dieser komplexen Psycho-Tragödie, die letztlich eine klassische Dreiecksgeschichte ist – nur, dass hier eben die dritte Spitze im Dunkeln bleibt.

Kosky ist also im ernsten Fach aktiv. Häufiger, als man so denkt, passiert das ja, hat er doch seinem Berliner Haus zum Beispiel schon Schönbergs Opernmonstrum „Moses und Aron“ zugemutet. Trotz aller Beteuerungen, er sei nicht das Li-La-Laune-Bärchen unter den Regisseuren: Wenn es um handwerklich gekonnte Kulinarik geht, wird Kosky gern geholt. 2017 zum Beispiel nach Bayreuth, wo Wagners „Meistersinger“ nach einer konzeptkrampfigen Deutung der Hausherrin und Richard-Enkelin Katharina offenbar nun in die deutsche Spieloper zurückgeholt werden sollen.

Der Australier, Enkel jüdischer Einwanderer aus Polen, Ungarn und Russland, zunächst auf seinem Heimatkontinent in verschiedenen Funktionen aktiv und später Kodirektor des Wiener Schauspielhauses, hat überhaupt keine Probleme mit etwas, das unter den Orthodoxen des Regietheaters als bäh gilt: mit der Unterhaltung. „Ich selbst will schließlich auch im Theater sitzen und einfach mal ,Wow!‘ sagen.“ Kosky kämpft dabei in derselben, gerade sehr erfolgreichen Theaterpartei wie Josef Ernst Köpplinger vom Gärtnerplatz. Auch wenn der Münchner Kollege eher der klassischen Wiener und nicht der Revueoperette frönt.

Es ist eben gerade hohe Zeit für die Unterhaltung auf der Bühne. Weil die Weltläufte so unerquicklich sind und sich der gemeine Kartenkäufer nach Zerstreuung sehnt. Weil die Regie-Berserker eigentlich schon alles durch haben und genug Blut, Schweiß und Sperma geflossen sind. Und weil, darauf legt Kosky Wert, die knallbunten Produktionen von der Spree oder von der Isar einfach für Qualität bürgen: Sie nehmen die leichte Muse ernst und bieten keine billigen bis oberflächlichen Weltfluchten à la Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahre, als mit Hilfe von Anneliese Rothenberger und Johannes Heesters der Theatergänger bis ins Koma eingelullt wurde.

An einem großen Haus wie der Bayerischen Staatsoper und ihrem ewigen Bestreben, dauernd internationale Cuisine vorsetzen zu müssen, würde Koskys Unterhaltungstheater nicht funktionieren. Das weiß der Berliner Künstlerintendant selbst, der schon mal darüber lästert, dass an den Supertankern Sängerstars und Dirigenten erst zu den Endproben erscheinen. Nicht natürlich in München, beeilt sich Kosky hinzuzusetzen. „Wunderbare Rahmenbedingungen“ gebe es hier. Überhaupt sei es ja wichtig, die Tradition des jeweiligen Hauses einzubeziehen und zu bedienen.

Insofern weiß Kosky schon genau, was er sich mit dem Prokofjew-Gastspiel hier gönnt: „Ich wohne eben normalerweise in einem kleinen Boutique-Hotel namens Komische Oper, nun komme ich für sechs Wochen in dieses Fünf-Sterne-Luxus-Etablissement mit Spa, und nach dem Urlaub kehre ich zurück in meine Boutique.“ Und was ihn in München wohl am meisten überrascht habe im Gegensatz zur Berliner Szene? „Unglaublich ist hier die Intensität, mit der die Zuschauer gebannt, konzentriert und absolut ruhig eine Vorstellung verfolgen. Ihr seid das vielleicht gewöhnt. Aber ich habe mich anfangs gefragt: Ist jemand gestorben?“

Premiere

am 29. November;

Telefon 089/ 2185-1920.

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