Blutrünstiger Vater: Barry Banks als misstrauischer Herrscher Mitridate. F: wilfried Hösl

Opernfestspiele: Mit einer Portion Pfeffer

München - Die zweite große Premiere hat Münchens Opernfestspiel-Welt nach dem „St. François"-Unfall wieder ins Lot gebracht: David Bösch inszenierte im Prinzregententheater „Mitridate" als munteren bis tragischen Generationenkonflikt, Ivor Bolton setzte Mozarts Musik dazu unter Hochdruck.

In Milos Formans „Amadeus“-Streifen war der Mann in Schwarz der Schocker. Wenn er an der Tür klopfte, dann dröhnten die „Giovanni“-Akkorde, und Wolfgang, vom Tode gezeichnet, sah ein bedrohliches Papa-Komtur-Gespenst vor sich. Dabei taugt eine andere Oper für solche Vaterkomplexe doch viel mehr - meint jedenfalls David Bösch, dem die Entstehungszeit des „Mitridate“ offenbar nicht mehr aus dem Kopf ging.

Vierzehn Jahre jung war das Wolferl, als es unter Leopolds gestrengem Blick das ellenlange Stück für Mailand schrieb. Und schon zur Ouvertüre versetzt uns Bösch ins Spiel- und Kompositionszimmer des Burschen. Gar lustig marschieren da krakelig gezeichnete Kreidesoldaten über den schwarzen Rundhorizont (Bühne und Projektionen: Patrick Bannwart). Krieg und Tod, Liebe und Verrat, Wut und Mord - alles nur Imagination einer Bubenfantasie also, kein spaßfreies Drama auf Kothurnen: Heute greift das Kind zum Gameboy, ein Mozart eben zum Notenblatt.

Der Kampf von Pontus gegen Rom, die Staatsaktion, das drückt Bösch zur Seite. Und für den „Mitridate“, für dieses Stop-and-go aus zuweilen länglicher Innenschau (Arien) und kleinen Handlungsschritten (Rezitative), ist das Herunterbrechen auf den Familienkonflikt keine üble Lösung - auch wenn Bösch im Dauer-Augenzwinkern manches zu amüsant gerät.

Harmlos wird die Sache dennoch nicht. An Papa Mitridate, frustriert vom Kriegspech, blutüberströmt und mit Neigung zur Selbstverstümmelung, arbeitet sich die nächste Generation ab. Sifare, im züchtigen Pullunder und zu großer Hose, flüchtet sich in die Empfindsamkeit, die umkämpfte Aspasia in die hochtourige Todessehnsucht, während Farnace zum echten Sohn seines Vaters wird: ein Halbstarker, der seine Emotion im Alles-muss-raus ziellos verschleudert und sich am Ende in ödipaler Aufwallung die Augen aussticht.

Von der Ägäis bleiben nur ein gestrandetes Schlauchboot mit dem Schriftzug „Principessa“, ein paar Körner Sand und weißer Möwendreck unter anderem - für hintere Reihen kaum sichtbar - auf den Jacken der Musiker. David Bösch feiert da mit Kronleuchter (nicht schon wieder), abgerissenen Luftschlangen und nur scheinbar infantilen Kinderzeichnungen eine Freud’sche Endzeitparty. Als Rollenschärfer ist der Schauspielmann, das zeigte schon sein „Liebestrank“ im Nationaltheater, ein Operngewinn. Ohne aufgesetzte Zeichen und Gestenbeschaffungsmaßnahmen: Böschs Figuren funktionieren rein mit Innenbeleuchtung.

Lustvoll lässt er, angetrieben von Mozarts virtuosen Arien, die Charaktere heißlaufen. Vor allem Countertenor Lawrence Zazzo vergisst gern alle gute Vokalerziehung und lässt sämtliche Sicherungen Farnaces durchbrennen: Natürlich könnte Zazzo ebenmäßiger singen. Doch so drastisch drauf wird er zum größtmöglichen Antipoden Sifares. Der ist bei der großartigen Anna Bonitatibus ganz Klang gewordene Sensibilität. Ihr „Duett“ mit Solo-Hornist Zoltán Mácsai ist poetisches Zentrum des Abends - und zugleich die Möglichkeit einer (zu) fernen Utopie.

Einzig Patricia Petibon wird, neben dem überforderten Alexey Kudrya als Marzio, in der preisverdächtigen Besetzung zum Problemfall. Wie Zazzo tritt sie die Flucht nach vorn an. Das Ergebnis: echtes Tragödinnen-Pathos - und viele übersäuerte, unausgeglichene Phrasen. Schier alles kann dagegen Barry Banks als Mitridate seiner Stimme abtrotzen. In die höllischen Höhen dringt er mit stechendem, perfekt konturiertem Tenor vor. Und als sei’s der Koloraturen und Intervallstürze nicht genug, absolviert er manches noch mit Liegestützen oder als Messerjongleur.

Eri Nakamura als Arbate, im Nationaltheater gerade noch ganz die Julia-Heroine, überrascht hier als Kassandra im Putzfrauen-Kittel. Und rein stimmlogisch hätte Sifare die Finger von Aspasia lassen sollen: Lisette Oropesa (Ismene) gestaltet mit feiner vokaler Schraffur und Delikatesse, klangbewusst und wie selbstverständlich präsentiertem Zierrat - eine Entdeckung.

Für Ivor Bolton ist die Aufführung dagegen eine Wiederkehr. Allzu lange hat man diesen sympathischen Triebtäter in Sachen Mozart und Barock vermisst. Den Arien verpasst er genau die Portion Pfeffer, ohne die sie in strohigen Klassizismus zurückfallen würden. Das klein besetzte Staatsorchester folgt ihm da tatendurstig, auf Turbo-Stufe und bis zur Spielbarkeitsgrenze. Dass der Abend mit einem arg verkürzten Schlussensemble abreißt, ist eher Schönheitsfleck denn einleuchtendes Konzept. Viel Bravi und Trampeln, kaum Buhs für Bösch. Ein Wiedersehen und -hören gibt’s nach dieser Serie erst im nächsten Juli: „Mitridate“ als reines Festspiel-Stück, das wäre demnach das Gegenteil von „Oper für alle“.

Markus Thiel

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