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Debütiert heute an der Münchner Staatsoper: Patricia Petibon in der Partie der Aspasia im Prinzregententheater.

Opernfestspiele: Patricia Petibon spricht über ihre Rolle

München - Anlässlich der Premiere der Opernfestspiele am Donnerstag traf der Münchner Merkur Patricia Petibon und sprach mit ihr über ihre Rolle in „Mitridate, rè di Ponto“, Mozart und die Lust, auf der Bühne Risiken einzugehen.

„Die Eroberung einer Mozart-Rolle gleicht einer Kletterpartie, und ich komme mir dabei vor wie eine Alpinistin, die ihre Haken einschlägt“, verkündet Patricia Petibon mit dunkel leuchtenden Augen. Die französische Sopranistin steckt gerade mittendrin in einer solchen Hochleistungs-Aktion und wird bei der zweiten Festspielpremiere heute im Prinzregententheater den Gipfel stürmen: als Aspasia in Mozarts früher Oper „Mitridate, rè di Ponto“. Dafür kehrt Ivor Bolton ans Staatsopern-Pult zurück; die Inszenierung besorgt David Bösch, der sich mit einem bezaubernden „L’elisir d’amore“ empfahl.

Patricia Petibon, Jahrgang 1970, wird seit Jahren gefeiert – nicht nur im barocken Fach. Nun gibt sie endlich ihr Debüt an der Bayerischen Staatsoper. „Ich habe nicht so viel in Deutschland gesungen, aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. C’est la vie“, lächelt die aparte Sängerin, die sich freut, mit Mozart zu starten. „Mozart ist wie eine Kur für die Stimme, er ist gesund und das Zentrum meiner Arbeit.“ Die Aspasia eroberte sich Patricia Petibon vor einigen Jahren in Wien. „Sie ist als junge Frau zwischen drei Männern von Beginn an verzweifelt. Dies drückt sich in jeder Melodie aus, die Mozart schon fast romantisch und belcantistisch eingefärbt hat. Mozart ist ein Maler der Seele und seine Musik geht durch den ganzen Körper. Sie ist sehr physisch, und er nimmt damit quasi Alban Berg vorweg.“

Als dessen Lulu betörte sie bereits die Männer in Genf, Salzburg und Barcelona (DVD erscheint im Herbst). Regisseur David Bösch, so erzählt die Sängerin begeistert, rückt bei „Mitridate“ die Familiengeschichte in den Fokus. Beide Söhne Mitridates umwerben des Vaters Verlobte Aspasia, die sich in den jüngeren verliebt. „Es ist eine erste, jugendliche Liebe zwischen Aspasia und Sifare, die Bösch in sehr poetischen Momenten auf der Bühne lebendig werden lässt.“ Gleichzeitig steht die Figur „mitten in der Schlacht zwischen Pflicht und Liebe“. Das Libretto erinnert die Französin an Racine, und das empfindet sie als durchaus modern. „Wenn Mozart heute leben würde, wäre er ein Fürsprecher und Verteidiger der Frauen!“ Kein Wunder, dass sich Petibon zu seinen Damen hingezogen fühlt. Sie sang die Susanna, die Despina, die Giunia und marschiert jetzt Richtung Donna Anna im „Don Giovanni“. Zusammen mit dem österreichischen Film-Regisseur Michael Haneke – „Das weiße Band“ beeindruckte die Sopranistin tief – erarbeitet sie die Rolle an der Pariser Opéra de Bastille. Im März 2012 ist Premiere.

Blickt man auf die Anfänge von Petibons Karriere, ihre frühe Zusammenarbeit mit William Christie und seinem Ensemble „Les Arts Florissant“ und auf die CD-Veröffentlichungen, dann möchte man die Sängerin gerne als Spezialistin in Sachen Barock einordnen. Doch da wehrt sie sich temperamentvoll: „Ich bin überhaupt keine Spezialistin, aber ich versuche einen Weg zu finden, um die Musik dieser Epoche lebendig zu machen.“ Von Nikolaus Harnoncourt hat sie die Freiheit gegenüber der Barock-Musik gelernt. „Er hat mir beigebracht, Emotionen zu riskieren, mich weder hinter der Stimme, noch hinter der Technik zu verstecken. Ich muss diese Musik genau in dem Augenblick auf der Bühne leben und mich dabei von allem, was ich gelernt und gelesen habe, befreien und bereit sein, Risiken einzugehen.“ William Christie traf die koloraturgewandte Sopranistin schon am Pariser Conservatoire: „Ich spürte intuitiv, dass ich von ihm viel lernen konnte. Er hat mir eine langsame Entwicklung ermöglicht.“ So fand sie ihren Weg von den barocken Partien über Mozart bis hin zu Bergs Lulu, aber auch zu Poulencs Sœur Constance aus „Dialogues des Carmélites“, zu Offenbachs Puppe Olympia, zu den Sophies von Strauss und Massenet.

„Man muss die Stimme benutzen wie ein Chamäleon. Nur singen interessiert mich nicht“, gesteht die Künstlerin, die sich als Studentin zunächst der Musikwissenschaft zuwandte. Hat man mit diesem theoretischen Hintergrund einen anderen, besseren Zugang zu den Partien aus unterschiedlichen Stil-Epochen? „Ich kann alle Bücher der Welt lesen, aber das nützt nichts: Ich muss es auf der Bühne machen. Die Theorie nährt nur die Praxis. Diese entscheidet.“ Neue Partien peilt Patricia Petibon entspannt an: Es könnte allmählich in Richtung Belcanto gehen. Eine Traviata könnte sie sich vorstellen, eine Manon, aber vor allem nach wie vor Mozart.

Und auch für die ferne Zukunft hat sie „viele Ideen“. Unterrichten würde sie dann gerne oder „Radio machen“. „Natürlich denke ich über eine Zeit im Anschluss an die eigene Karriere nach, aber das Leben steckt voller Überraschungen, und ich will mich nicht jetzt schon festlegen…“, schmunzelt sie, und ihre roten Zöpfe wippen mädchenhaft keck.

Von Gabriele Luster

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