Opernpremieren zu 25 Jahre Wiedervereinigung

Das Operngewissen der Nation

Berlin - In Berlin herrscht zur Einheits-Feier Feiermeilen-Routine, aber nicht in den Musikhäusern: Die begehen die Einheit mit drei Premieren an drei Tagen.

Was von der Zone übrig blieb, passt auf knapp 20 Quadratmeter. Ein weißes Zelt, freundliche junge Betreuerinnen, ein paar Kinder. Sie basteln einen Trabi – aus Pappe, vier Zahnstochern und einem Luftballon, der als Antrieb dient. Ein Papi bläst ihn auf, setzt das Gefährt auf die kleine Trabi-Rennbahn, und – pffft! – löst sich der Ballon und macht sich davon, der Trabi steht. Was ja irgendwie zu diesem Ex-Staat passt, dem hier zwischen Brandenburger und Charlottenburger Tor ein „DDR-Museum“ gegönnt ist. Es verliert sich zwischen all den bunten Buden – die meisten schlendern grinsend vorbei.

Feiermeilen-Routine in Berlin. Am 3. Oktober, an dem sich alle Welt Gedenkwürdiges zu 25 Jahre Einheit entwindet, sieht die Straße des 17. Juni bei Currywurst für vier, Borschtsch und Wodka für jeweils drei Euro und garantiert glutamatfreier China-Kost nicht anders aus als zu Silvester oder zum WM-Sieg. Los- und Futterstände flankieren den Boulevard, Bananen sucht man vergeblich. Nachmittags wird die Meile wegen Überfüllung dicht gemacht, auch das kennt man. Ab 15 Uhr startet das Musikprogramm mit der Band Jenix, abends gibt es Lena. Und sogar eine Demo unverbesserlicher Rechter, die nördlich der Synagoge durch Berlin-Mitte zieht, erntet eher Schulterzucken – die Protestler verlieren sich fast im Polizeieskorten-Aufwand. Alles ganz lässig?

Nicht, wenn es um die Kunst geht. Da liegt Berlin an diesem Wochenende in Presswehen. Zwölf Premieren, allein drei davon betrifft das Musiktheater. Die drei Opernhäuser bitten zur Neuproduktionsstafette. Alle sind furchtbar fest entschlossen. Die Komische Oper dazu, die ganze Problematik mit den unvollendeten „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach sicht- und hörbar zu machen. Die Deutsche Oper wollte gestern Abend dem fünfstündigen „Vasco da Gama“ (von Giacomo Meyerbeer ebenfalls ohne letztgültige Fassung hinterlassen) die Ehrenrettung bereiten. Und die Staatsoper im Schillertheater begreift sich – natürlich – als repräsentatives Operngewissen der Nation, dies mit der ultimativen Feiergeprängefestoper, mit Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“.

Dass die sich einst schön zu den Reichsparteitagen machte, wurde andernorts viel thematisiert. Im Schillertheater, der kleinen Ausweichspielstätte, passiert anderes – man maskiert sich einfach als Komische Oper. Eine gediegene Aufführung, im besten Sinne mehrheitsfähig, oft schwebeleicht und mit viel Augenzwinkern, Schwarzrotgoldbeflaggung gaukelt politischen Mehrwert vor. Hans Sachs, in Schluffi-Shirt und mit fettiger Matte, baut Cannabis auf dem Dach seines Nürnberger Hochhauses an. Zur Prügelfuge werden deutsche, Schwulen- und Fußballvereinsfahnen heftig geschwenkt. Der größte Clou ist die Besetzung. Deutsche Sängergeschichte schaut und schallt einem entgegen. Olaf Bär und Reiner Goldberg als Vertreter von Deutschland-Ost, Siegfried Jerusalem und der 91-jährige Franz Mazura aus Deutschland-West übernehmen Stichwortrollen der kleinen Meister, dazu kommt noch Graham Clark, legendärer britischer Charaktertenor. Ein Promi-Coup, vor allem aber ein Selbstläufer: Wenn Bär eine Augenbraue hebt oder Goldberg gespielt wirr seinen Teebeutel in der Tasse versenkt, braucht es keine Regisseurin mehr.

Andrea Moses, gebürtige Dresdnerin, bietet eine Multikulti-Momentaufnahme der Berliner Gegenwart, mal in hellbraun furnierter Kirche, mal in der Sachs-Bibliothek, mal als Spektakel vor Stadtschloss-Prospekt. Die Zunftchefs sind schwarzrotgoldbeschärpte Sponsoren, zwei Scheichs stehen für außereuropäische Finanzspritzen. Einiges  ist für Wagner-Anfänger  arg  verdoppelt, am stärksten ist der dritte Akt, wenn  sich Sachs und Stolzing einen Hahnenkampf um Eva liefern. Wolfgang Koch räumt als lässiger, sich zu Baritonübergröße aufschwingender Sachs ab, Klaus Florian Vogt (Stolzing) wird deutlich heldischer, Julia Kleiter (Eva), Markus Werba (Beckmesser) und Kwangchul Youn (Pogner) bieten Hochakzeptables.

Daniel Barenboim dirigiert die „Meistersinger“ listig so, dass sie nicht als Festtagsbraten taugen. Mit geschmeidiger Fülle statt Blechkrachen, flott, mit wissendem Understatement und trotzdem vielen dezent eingepassten Details. Im Schlussakt kommt eine sehr nachdenkliche Dimension dazu. Und seine Staatskapelle spielt, als nehme sie messianische Weissagungen entgegen. Warum die Premiere zweigeteilt ist, erster und zweiter Akt zu spätabendlichen Stunden am 3. Oktober, Festwiese gestern Mittag, das kann keiner so recht erklären. Mit Wagners im Stück vorgegebenen Tageszeiten stimmt das nur bedingt überein. Eine mögliche Erklärung deutete Barenboim an: Mancher VIP im Publikum hätte es nicht rechtzeitig von den Festakten ins Schillertheater geschafft. Dabei ward kaum einer gesichtet. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Sängerlegende Peter Schreier, nun ja... Die Fotografen sind enttäuscht. Früher war mehr Promi-Lametta.

Wesentlich mehr Dramaturgenschweiß wurde in der Komischen Oper vergossen. Hausherr Barrie Kosky, im übernächsten Jahr Bayreuths „Meistersinger“-Regisseur, treibt das Offene, Unvollendete von „Hoffmanns Erzählungen“ zwei Umdrehungen weiter, überblendet das mit Vorlage und Stückgeschichte. Statt Dialoge gibt es Monologe, meist der Novelle „Don Juan“ von E.T.A. Hoffmann entnommen. Die spricht Uwe Schönbeck als sabbernder, zugesoffener alter Titelheld, dem seine Vorgeschichte als Albtraum begegnet inklusive zweier Wiedergänger – Hoffmann vor der Pause als Bariton  und wie von Offenbach ursprünglich konzipiert (Dominik Köninger), nach der Pause als Tenor (Edgaras Montvidas).

Kosky, sonst Revuemann des Musiktheaters, will sich mit Ausstatterin Katrin Lea Tag verbissen als Gegenteil präsentieren. Ein effektvoll kippendes Quadrat als Spielfläche, schwarzer Horizont, ein paar Requisiten, unter anderem ein Puppentheater, aus dem Nicole Chevalier als durchgeknallte Olympia-Göre Verzierungen singt und grunzt. Der Abend ist eher Schlaglichter-Folge statt – bis auf den intensiv choreografierten Antonia-Akt – organische Handlung. Hoffmann-Material gewissermaßen, mal Stoffsammlung, mal dunkler Comic, von Stefan Blunier grandios vielschichtig dirigiert. Nicole Chevalier in allen Frauenpartien ragt aus dem leidlich gut besetzten Ensemble heraus. Offenbachs Mozart-Obsessionen hört man: Die Aufführung hebt an mit der „Don Giovanni“-Ouvertüre und endet mit „La ci darem la mano“, gesungen von der Muse (Karolina Gumos) und gekrächzt von Uwe Schöneck als totem Offenbach im Sarg. Ob die Produktion für den Alltag taugt, ist nach enden wollendem Beifall fraglich.

Da bieten die „Meistersinger“ der Kollegen wenigstens eine böse Pointe, wenn zum Finaljubel das Stadtschloss versinkt und alles auf eine von Brimborium bereinigte grüne Hoffnungswiese blickt: Das olle Kaiserzeug, ein paar hundert Meter von der Feiermeile entfernt, braucht keener, wa?

Markus Thiel

Informationen

zu Aufführungen und Vorverkauf unter www.komische-oper-berlin.de und www.staatsoper-berlin.de; die Kritik zu „Vasco da Gama“ folgt in der morgigen Ausgabe.

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