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Beethovens Neunte als Internet-Spektakel aus Genf. Zunächst war dies als normales Konzert vorgesehen, die eigentlich engagierten Solisten wurden dann ausgeladen und durch Kollegen ersetzt.

UMSTRITTENE KÜNSTLERVERTRÄGE

Veranstalter gegen freie Solisten: Die Corona-Ausbeuter

  • Markus Thiel
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Nicht nur dass sie um Ausfallgagen kämpfen müssen: Auch bei Neuverträgen verschlechtert sich die Sänger-Situation deutlich

Tut uns leid: Beethovens groß besetzte Neunte, ein solches Konzert sei derzeit nicht möglich. Sinngemäß lautete so die Mitteilung vom Orchestre de la Suisse Romande. Und betroffen davon waren vier Solisten, die kurzerhand ausgeladen wurden. Keine Gage, Corona, höhere Gewalt – damit argumentierte das Genfer Ensemble. Involviert war unter anderen Sopranistin Christina Landshamer, die Mitte Mai diese Absage erhielt – um dann erstaunt festzustellen: Bereits zwei Tage vor der Ausladung hatte das Orchester vier andere Solisten verpflichtet. Die Neunte wurde dann tatsächlich aufgeführt, allerdings nicht als normales Konzert, sondern als Internet-Aktion. Arte sendete alles am vergangenen Wochenende. Landshamer und ihre Kollegen schauten buchstäblich in die Röhre.

„Einen solchen Fall habe ich noch nicht erlebt“, sagt sie. „Wenn man mit uns über die Situation geredet hätte, auch darüber, dass der Veranstalter mit ausländischen Solisten nichts riskieren wollte, dann sähe die Sache komplett anders aus.“ Die Internet-Aktion als Ersatzplanung sei aber mit keinem Wort kommuniziert worden. „So geht man nicht miteinander um.“

„So geht man nicht miteinander um“, findet Sopranistin Christina Landshamer.

Ein Einzelfall? Eher nicht. Vieles deutet darauf hin, dass die Situation der Solisten in diesen Corona-Zeiten missbraucht wird. Und das hat nicht nur mit den Ausfallgagen zu tun, um die Freiberufler kämpfen müssen. Auch bei neuen Vertragsabschlüssen drehen die Veranstalter an den Daumenschrauben. Da gibt es zum Beispiel Staatstheater auch im süddeutschen Raum, die 50 Prozent Ausfallzahlung anbieten, um gleichzeitig zu verfügen: Beim nächsten Engagement werde dieses Geld wieder abgezogen. Um welche Häuser es sich handelt, möchte Turgay Schmidt nicht sagen – im Interesse seiner Klienten. Bei dem Gießener Rechtsanwalt laufen derzeit viele Fäden zusammen und Beschwerden von Sängerinnen und Sängern ein. „Die Häuser nutzen die Situation aus, weil jeder froh ist, dass er irgendwo irgendetwas singen kann“, sagt Schmidt. „Die Solisten gehen dann aus Angst Kompromisse ein, die unseriös sind.“ Das, was den Künstlern angeboten werde, sei schlicht eine „Frechheit“.

Manche Verträge stünden mittlerweile unter komplettem Corona-Vorbehalt: Bei Absage wegen Pandemie und den damit zusammenhängenden Vorschriften fließt kein Euro. Einfach, weil die Häuser wissen, dass sie den früher üblichen Rechtsbegriff der „höheren Gewalt“ nicht mehr auf die aktuelle Krise anwenden können. Überhaupt hat Turgay Schmidt festgestellt, dass sich das Gagen-Niveau deutlich verschlechtert hat. Dem Anwalt liegen zwei Mails aus Opernhäusern vor, die dafür eine unverblümte Begründung liefern: Wenn man jetzt nur 20 Prozent des üblichen Niveaus zahle, spare man sich das Geld für künftige Spielzeiten.

Was die zum Teil hochprominenten Betroffenen in Gesprächen betonen: Es geht bei alledem nicht unbedingt um die Stars, um die Besser- und Bestverdienenden. Leidtragende sind vielmehr die Künstler des „Mittelbaus“ oder Berufsanfänger, denen so gut wie alles weggebrochen ist – inklusive einer beruflichen Perspektive.

Menschlich sei das alles „sehr befremdlich“, was sich derzeit auf dem Markt abspiele, sagt Bassist Günther Groissböck. Die Angst beim „klassischen Künstlermittelstand“ nehme immer mehr zu. „Die Sängerinnen und Sänger sind dabei die perfekte Opfer-Klientel: Klappe halten und doch unterschreiben.“ Laut Groissböck werde man nicht darum herumkommen, sich zusammenzuschließen: Eine kleine, schlagkräftige Gewerkschaft wie die Vereinigung Cockpit in der Luftfahrt wäre doch möglich: „Die ist schließlich dazu in der Lage, einen ganzen Betrieb lahmzulegen.“

Eine schlagkräftige Künstler-Gewerkschaft nach dem Vorbild von Cockpit fordert Günther Groissböck.

Was Groissböck derzeit feststellt (und einräumt, dass ihm dies teilweise auch zugutekomme): Für die Aufführungen im gerade anlaufenden Kulturbetrieb würden die immer gleichen Künstler verpflichtet. Im Visier hat Groissböck allerdings eher die handverlesenen Megastars. Durch die Corona-Krise öffne sich noch mehr die Schere zwischen Platin-Solisten und dem breiten Künstlervolk. Man müsse aufpassen, dass der Event-Charakter von Aufführungen nicht größer werde: „Der Star-Rummel wird noch primitiver“, sagt Groissböck. „Das schürt auch den sozialen Unfrieden.“

Das Problem dabei: Die Situation ist den politischen Entscheidungsträgern nicht bewusst – oder wird von ihnen verdrängt. Anwalt Turgay Schmidt hat daher demnächst einen Termin bei Kanzleramtsminister Helge Braun. Und am heutigen Freitag trifft sich Andreas Schager, weltweit gefragter Heldentenor aus Österreich, mit Andrea Mayer, Kunst- und Kulturstaatssekretärin seines Heimatlandes, und einem Mitarbeiter von Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Sänger schildern auf Youtube ihre Situation

Wie es den Solisten bei alledem emotional geht, hat das Sänger-Ehepaar Gabriela Scherer und Michael Volle zusammengetragen. Sie baten Kolleginnen und Kollegen, in Videos von ihrer Situation zu berichten. Auf Youtube haben sie die Eindrücke unter dem Hashtag #bringbacktheculture zusammengeschnitten, demnächst soll es einen ausführlicheren Film geben. Stars wie Camilla Nylund („Diese drei Monate waren die schwersten meines Lebens“), Ian Storey („Der früheste Zeitpunkt für neue Planungen ist 2022 und 2023“) oder eine zu Tränen gerührte Barbara Frittoli sind dort zu sehen. Und stets schwingt mit: Es geht nicht nur um sie, sondern auch um den Nachwuchs, um Techniker, überhaupt um alle am Kulturbetrieb Beteiligten.

Solidarität unter Sängern, die will auch Christina Landshamer in Teilen festgestellt haben – obgleich sich manche noch scheuten, etwas gegen die negativen Entwicklungen zu unternehmen. Außerdem gibt sie sich optimistisch: „Wenn’s jetzt bergab geht, geht’s genauso wieder bergauf.“ Das Thema Genf ist für sie allerdings erledigt: „Ich glaube nicht, dass der Veranstalter nochmals anfragen wird. Aber das finde ich nicht schlimm, das ist gerade aus diesen Gründen nicht unbedingt der Ort, an dem ich arbeiten möchte.“

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