Opernhafte Wucht

- Immerhin gingen über das heilige Ding zwei Beschäftigungsverhältnisse zu Bruch: Im Hochsommer des Jahres 1819 war es, dass Ludwig van Beethoven in Mödling am Credo seiner Missa solemnis arbeitete und im kompositorischen Furor das Nachtmahl vergaß. Als er gegen ein Uhr nachts dann doch zu essen begehrte, fand er die Speisen auf dem Herd verbrannt und die beiden Mägde schlafend; das Geschimpfe des unwirschen Ertaubten fiel so grob aus, dass die Mädchen am nächsten Morgen den Dienst quittierten.

<P>Eine Anekdote, die jedenfalls auf eines schließen lässt: auf die tiefe persönliche Beteiligung Beethovens bei der Komposition. Ein Stück also mit ausgeprägtem Bekenntnischarakter. Im Herkulessaal haben Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Bernard Haitink eine Interpretation in bester spätromantischer Tradition abgeliefert: warmer, satter Orchesterklang, brillanter, bis in Fortissimo-Höhen unangestrengter Chorgesang.</P><P>Gerade diese interpretatorische Schlackenlosigkeit ermöglichte es, das Augenmerk umso mehr auf die Komposition zu richten. Und bei all dem 19. Jahrhundert-Pathos - von dem als Flötenarabeske hernieder flatternden Heiligen Geist im "Et incarnatus" bis zum süßlichen Violinsolo (innig realisiert von Andreas Röhm) des "Benedictus" - stellte sich immer wieder die Frage, ob das Werk heute überhaupt noch aufzuführen sei, ohne eine befremdliche Aura humanistisch-religiöser Gefühligkeit um sich zu verstrahlen. Solche war auch bei den Solisten Marina Mescheriakova, Violeta Urmana und René Pape mit klangschönen, vibrato-kraftvoll geführten Stimmen gut bedient - lediglich Jonas Kaufmanns schlanker Tenor setzte einen angenehmen Akzent der Nüchternheit gegen solch opernhafte Wucht.<BR><BR></P>

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