Opernkritik: Der fromme Koloss

München - Olivier Messiaens Verherrlichung des Franziskus von Assisi war die erste große Premiere der Münchner Opernfestspiele. Ein langer, vor allem länglicher Abend mit viel verschütteter Farbe, Jubel fürs musikalische Team um Kent Nagano und Buhgeschrei für „Regisseur“ Hermann Nitsch.

Wenn die große göttliche Erkenntnis kommt, dann tut’s weh. Dann schmerzen Trommelfelle vom C-Dur-Gedröhn und Augen im Angesicht der Scheinwerferbatterie. „Lux aeterna“, das ewige Licht, das sind hier geschätzte 100 000 Lux, die Münchens Gala-Gemeinde blenden. Und zur Ovation provozieren: In diesen letzten Minuten besinnt sich Olivier Messiaen im „St. François d’Assise“ dann doch auf so etwas wie Theatralik. Freilich auf eine so tosend erzkatholische, die weniger schlüssiges Finale ist, eher angeklebter, applausheischender Brot-und-Spiele-Effekt.

Ein problematisches, aus Zeit und Form gefallenes Stück ist dies. Ein Werk ohne dramatische Fallhöhe und bühnenlebensnotwendigen Konfliktstoff. Ein Viereinhalbstünder, der gar nicht Oper sein mag, aber auch in der Oratorienschublade keinen Platz findet. Und zugleich das Opus summum nicht nur des frommen Franzosen, sondern auch von Kent Nagano. Seit seiner Verpflichtung nach München war es nur eine Frage der Zeit: Irgendwann würde der ultimative Messiaen-Kenner den Koloss auch im Nationaltheater stemmen.

Ein Triumph mit Ansage also. Fast noch nie hat man Nagano hier so erlebt. Elektrisierend, präzise in den vertrackten Rhythmen, risikolustig in Messiaens Klangspaltereien und -zuspitzungen, dabei temperamentvoll die Vokal-, Bläser- und Streicherfraktionen des Riesenapparates befeuernd. Eines Apparates, der förmlich aus dem Graben wuchert: links auf der Bühne das Blech im Harlekin-Gewand, die Logen voller Schlagwerk.

Die Wirkung, ganz klar, überwältigt oft. Messiaens Schichtungen werden noch trennschärfer, noch nachvollziehbarer. Nagano ermöglicht auch dem Ersthörer einen Blick in die Kompositionsstube. Das ist ergiebig - und ungewollt auch entlarvend. Messiaen zielt ja weniger aufs große, eng verwachsene und sich entwickelnde Ganze, sondern schreibt additiv: Nachahmungen von Vogelstimmen, scharf profilierte Motiv-Einsprengsel und vokales Psalmodieren, all das sind letztlich wiederkehrende, immer neu arrangierte Bauklötze. Von daher passt sogar das Engagement von Hermann Nitsch, vor dem sich manch Operngänger umsonst gruselte. Auch Nitschs Orgien- und Mysterientheater, vor vielen Jahren mal ein Aufreger, speist sich aus Versatzstücken. Man nehme also: Männer am Kreuz, an denen blutige Rinnsale die nackten Körper hinablaufen, Hände, die auf Videos in Eingeweiden wühlen, Farbschichtungen und -mischungen, die auf riesigem Rundhorizont von unten nach oben wandern, gefiedertes Getier, das aus einer Projektion von Caspar David Friedrichs „Einsamem Baum“ quillt und die Leinwand zur Vogelpredigt schier sprengt.

Der Einsatz ist groß, die Wirkung anfangs hinreichend. Doch Nitschs Erfindungen haben ein Problem: Sie laufen neben dem Stück her, berühren es kaum, sind mal raunender Kommentar, mal heitere Bebilderung - und oft nur keimfreies, wie entleertes Ritual. Ein in Protest-Ehren Ergrauter, so scheint’s, packt da ein letztes Mal seine Waffen aus. Doch die, wie dumm, sind rostig und stumpf.

Regie, tiefergehende Charakterzeichnungen hat hier ohnehin niemand erwartet. Die notwendigsten Koordinationen besorgte Mitarbeiterin Natascha Ursuliak, der Rest ist Sängersache. Am besten kommt damit Christine Schäfer zurecht. Kein hehrer Himmelsgesandter ist sie, sondern ein tippelnder, entrückter, zuweilen auch ironischer Engel, fast ein Gruß aus dem Barock. Ihre Stimme vermählt sich ideal mit Messiaens Musik. Und in diesem Gesang zeigt sich, wie mit der Partitur umgegangen werden müsste. Womöglich viel delikater, viel mehr mit Phrasen und Intervallen spielend, als es die Noten zunächst nahelegen. Man höre nur Paul Gay: Er mag als Franziskus imponieren, erst recht, nachdem anfängliche Verspannungen überwunden wurden. Die Bewältigung dieser Partie, die Konzentration und Kondition nötigen höchsten Respekt ab. Doch letztlich verharrt Gays Singen in einem Graubereich, was nach energischerem Zugriff, nach mehr vokaler Fantasie verlangt. John Daszak darf sich dagegen beim Komponisten bedanken: Sein Leprakranker ist die einzige Figur, der Messiaen eine Entwicklung gestattet, was von Daszak, ohne grell aufzutrumpfen, gern genutzt wird. Aus den Ordensbrüdern ragt Nikolay Borchev als Léon heraus. Auch, weil seine Gestaltungskunst an Autorität und Ausstrahlung gewonnen hat - höchste Zeit also, diesem Bariton eine repräsentative Premiere zu spendieren.

Es ist nicht zu übersehen: Messiaens orchestrale Farbigkeit habe ihn inspiriert, sagt Nitsch. Das Ergebnis sind knallige Projektionen, auch immer neue, meist quergestreifte, piepmatzbunte Gewänder, bis am Ende der erleuchtete Franziskus in reines Gelb gekleidet wird. Zur Stigmatisierung gießen weiß Gewandete rote Farbbäche auf eine riesige Leinwand, zum Tod des Heiligen wird ein am Boden liegendes Schüttbild à la Nitsch geschaffen. Ein länglicher Abend. Und der sagt viel über den Künstler aus Österreich und den Komponisten aus Frankreich aus, weniger über Franziskus. Über seine Konflikte, seine Glaubenskämpfe, seinen Weg vom reichen Ritter zum armen Bruder. Über das Schicksal eines zur Armut Gereiften also, das hier mit sattem Aufwand und wie unter der religiösen Glasglocke verhandelt wird. Von einem entflammten Komponisten - und von einem literweise Farbe vergießenden Ex-Provokateur.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen morgen und 10. Juli, Telefon 089/21 85 19 29.

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