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Eine unvergleichliche Künstlerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt: Brigitte Fassbaenders Buch ist mehr als eine normale Autobiografie.

EINE OPERNLEGENDE BLICKT ZURÜCK

Brigitte Fassbaenders Memoiren: Die Unendlichkeit berühren

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Eine Diva, die im Abenddämmerlicht der Karriere selbstgefällig zurückblickt - das darf man von Brigitte Fassbaender nicht erwarten. In ihren Memoiren wird sie auch sehr deutlich.

München - Damit ist auch dies benannt, die ärgerlichste Regie-Erfahrung ihrer Karriere. Vor vier Jahren war das, als Brigitte Fassbaender als Einspringerin den Baden-Badener „Rosenkavalier“ übernahm. Ein Grippevirus mit entsprechenden Ausfällen, ein „Star-Ochs“ (Peter Rose), der meist abwesend war, dazu der sich verkünstelnde Bühnenbildner Erich Wonder und ein überfordertes Festspielhaus: „Da wird in jedem kleinen und mittleren Haus in Deutschland verantwortungsvoller und seriöser gearbeitet.“

„Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“, ein Zitat aus ihrer Lebensoper „Rosenkavalier“: Es scheint, als ob der Titel der Memoiren angesichts solcher Passagen die Sache nicht ganz trifft. Aber „Im Interesse der Deutlichkeit“ ist im Autobiografie-Fall ja schon vergeben, Wolfgang Sawallisch hat ihn einst gewählt. Lange hat sie sich, die heuer ihren 80. Geburtstag feierte, Zeit gelassen mit den Erinnerungen. Einfach, weil kein Platz war im Terminkalender. Doch dann, als sie sich dazu durchrang, brach der Damm. Manchmal, so erzählt sie im persönlichen Gespräch, tippte sie die Kapitel zwischendurch sogar ins Handy.

Anekdoten im typisch lakonischen Stil

Eine Diva, die im Abenddämmerlicht der Karriere selbstgefällig zurückblickt, das passt nicht zu ihr. Vor allem, weil Brigitte Fassbaender nach ihrem Bühnenabschied 1994 mehr denn je als Regisseurin und Pädagogin gefragt ist. Aber auch die Rolle der Erzählerin, die sich in netten Anekdoten verliert, wäre eine Fehlbesetzung. Fast widerwillig, dafür im typisch lakonischem Stil werden solche Geschichtchen nachgereicht. Die über Montserrat Caballé etwa, als diese schluchzend von der Bühne kam („Ich war so guuuut!“). Oder jene über Hans Hotter, der Operntitel wie „Boris Godunow“ rülpsen konnte.

Eine einzigartige Laufbahn, doch die musste hart erkauft werden. Sicher: Da war die kleine Brigitte aus großbürgerlichem Haushalt, Tochter des berühmten Baritons Willi Domgraf-Fassbaender und der Schauspielerin Sabine Peters. Aufgewachsen ist sie bei der Großmutter, die Eltern hatten viel zu tun. Bei der Oma in Dresden hat die kleine Berlinerin nur knapp die Bombennacht des 13. Februar 1945 überlebt. Nicht nur das hat sie bewältigen müssen: Siebenmal wurde die Mutter von notgeilen russischen Soldaten mitgenommen. Auch das Verhältnis zum verehrten Vater war ambivalent. Dass er Mitglied der NSDAP wurde, schreibt die Fassbaender seiner Naivität zu: „Warum er es nötig fand, mit den Wölfen zu heulen, wird mir ewig unerklärlich bleiben.“ Er war es, der die Stimme der heimlich singenden Tochter entdeckte: „Ich fühlte mich ertappt, belauscht und beobachtet.“

Diese Bühnenangst sollte Brigitte Fassbaender fortan begleiten. Ertragen, lindern ließ sie sich nur durch Rollen, hinter denen sie sich verstecken konnte. Früher als Klassenclown, später als Dorabella, Sesto, Carmen, Eboli oder als Octavian – mit der Titelrolle des „Rosenkavalier“ schrieb sie Aufführungsgeschichte. Und wurde, als gut und androgyn aussehender Star, von weiblichen Fans gestalkt.

Domingo und Solti wurden bei ihr zudringlich

Dies berichtet sie freimütig – und auch, dass sie, die mit einem Mann verheiratet war, sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt. Seit vielen Jahren lebt sie mit Jennifer Selby zusammen. Im Buch wird deutlich, wie stark die Fassbaender auch in der Arbeit als Regisseurin und Intendantin von der Frau ihres Lebens profitierte. Und doch gab es diese Schwärmereien für Männer: „Carlos Kleiber hatte die schönsten, ausdrucksstärksten Arme, die ich je gesehen habe bei einem Mann.“ Er sei „der größte Dirigent, mit dem ich gearbeitet habe“.

Kein Entlanghangeln am Zeitstrahl sind diese Memoiren. Man wird Zeuge von Betrachtungen, Reflexionen. Über das (Un-)Wesen an den Musikhochschulen, das sie als Professorin in München erlebte. Über die zu hastigen Karriereplanungen der Sänger. Auch über #MeToo- und Missbrauchsfälle. Nicht unbedingt Domingo war hier der Ärgste, mit dem sie in München Massenets „Werther“ sang: „Gegen die Kussszene, die er jedes Mal triumphierend ausnutzte, konnte ich mich nicht wehren.“ Schlimmer seien die Dirigenten Georg Solti gewesen, der sie beim Kino-Besuch befummelte („ein krasser Fall von Machtausnutzung“), oder James Levine – „von dessen Affären mit minderjährigen Buben jeder wusste“.

Spannender Regie-Countdown

Eigenwillig ist die Dreiteilung des Buches. Auf den biografischen Teil folgen Tagebuch-Auszüge. Sie berichten von den Monaten vor der Premiere von Brittens „Midsummer Nights Dream“ in Amsterdam. Ein spannender Regie-Countdown, der viel Wissenswertes und Ungeahntes transportiert von der Arbeit am Theater. Danach folgen Essays zu Opern. Teilweise Wiederveröffentlichungen sind das, besonders aber Zeugnisse von der emphatischen, tiefen Auseinandersetzung dieser spät berufenen Regisseurin mit den Stücken.

Brigitte Fassbaenders ungewöhnliche Memoiren sind also mehr als ein Rückblick. Sie sind das Zeugnis einer unvergleichlichen Künstlerin, die es sich selbst immer am schwersten machte. Und gerade deshalb, im ständigen Zweifel und in der Verzweiflung, zu den bestechendsten, allen Moden enthobenen Ergebnissen fand. Am schönsten, unvergleichlichsten im Lied-Gesang, der ihr auch zum Liebsten wurde.

Was das Singen wohl letztlich ist, was es ihr gibt, das beschäftigt die Fassbaender an mehreren Stellen dieses wunderbaren Buchs. „Ein Rühren an die Unendlichkeit durch den als unendlich empfundenen Atem“, heißt es einmal. „Das ist es, was den singenden Menschen in den besten Momenten seiner sängerischen Arbeit blitzartig überfällt.“ Nicht nur sie, möchte man hinzufügen, auch den Hörer dieser Jahrhundertstimme.

Brigitte Fassbaender:
„Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“. Memoiren. Beck Verlag, München, 381 Seiten; 26,95 Euro;
Buch-Präsentation mit der Autorin am 24.11., 11 Uhr, im Gärtnerplatztheater; Telefon 089/2185-1960.

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