„I due Figaro“ von Saverio Mercadante spinnt die Figaro/Graf-Geschichte weiter; hier das Opern-Ensemble in der Schloss-Halle von Sevilla (Bühne: Daniel Bianco). Foto: Silvia Lelli

Opernpremiere: Hitparade mit Wohlfühlgarantie

Salzburg - Zum fünften und letzten Mal verantwortete Dirigent Riccardo Muti Salzburgs Pfingstfestspiele. Ein großes Finale mit einer vergessenen Oper: Mercadantes "I due Figaro".

Von wegen gräfliches „Perdono“ samt Hochzeitstrubel des Dienerpaares: Im Rückblick entpuppt sich das Happy End aus Mozarts „Figaro“ als Rohrkrepierer. Die Ehe von Graf und Gräfin ist nun auf Minusgrade abgekühlt, da hilft sogar die gemeinsame Tochter Inez nichts. Und Figaro ist seinem Herrn mittlerweile als Intrigant zum Verwechseln ähnlich, was Gattin Susanna zu erheblichen Gegenmaßnahmen zwingt.

Zwölf Jahre nach Mozarts Geschichte setzen Saverio Mercadante (1795-1870) und Textdichter Felice Romani (1788-1865) an, zitieren dabei „Figaros Hochzeit“ sogar. Was die Sache von der Handlung her weitertreibt, schmeckt musikalisch indes eher nach neu aufgekochter Konvention. Macht nichts: So wie Riccardo Muti sein Orchestra Giovanile Luigi Cherubini antreibt, wird der Abend im Haus für Mozart zur Hitparade mit Wohlfühlgarantie.

Mercadante, der Neapolitaner, maskiert sich als spanischer Rossini. Die Crescendo-Walzen, die formelhaften Arien, auch das stete Augenzwinkern, all das kommt einem bekannt vor. Weniger die andalusischen Tänze, die Mercadante (Schauplatz ist schließlich Sevilla) als Lokalkolorit einbaut. Eine Spur weniger brillant, ohne Rossinis verschwenderischen Zierrat tönt das, dafür dank der dazwischenplappernden Bläser sogar humorvoller.

Auch deshalb lässt Muti weniger frech auf Spitze spielen und interessiert sich mit seinem Orchester für Mercadantes Mixturen, für seine Farbigkeit - ohne freilich die Zügel nur ein Sechzehntel locker zu lassen. Das Stück ist tatsächlich eine Entdeckung - und Mutis Einsatz für die neapolitanische Oper damit nicht hoch genug zu preisen. Doch je länger man müden Auges auf die Bühne blickt, desto mehr drängt sich der Gedanke auf: Was hätte ein Pointenlieferant à la Ponnelle aus der Aufführung gemacht.

Gegen die hübsche historisierende Ausstattung (Bühne: Daniel Bianco; Kostüme: Jesús Ruiz) ist wenig einzuwenden. Doch Regisseur Emilio Sagi erweist sich in der mit viel Detailliebe hingepuzzelten Säulenhalle als Stimmungskiller. Das Gestenrepertoire ist ein Rücksturz in Opas Oper. Und was noch schwerer wiegt: Die vertrackte Handlung wird kaum verständlich, die Figuren bieten kaum Tiefen- und Charakterschärfe - was somit ständig Verwechslungsgefahr birgt.

Der Kern der Geschichte: Figaros Freund Torribio will unter dem Namen Don Alvaro die gräfliche Tochter Inez ehelichen. Fünfzig Prozent der Mitgift sollen an den Strippenzieher Figaro gehen, der sich plötzlich einem Namensvetter gegenübersieht: Es ist Cherubino unter falschem Namen, der Geliebte von Inez.

Ohne Blick auf die Übertitel teilen sich davon nur Rudimente mit. Man hält sich also an die Sänger - und fährt bestens damit. Mutis Festspiele bieten ja inzwischen eine Art „Jugend musiziert“ mit Goldrand. Im Graben sitzen hoch motivierte Twens. Und oben sind Sänger aktiv, die man dringend in der nächsten Rossini- oder Mozart-Produktion wieder erleben möchte. Zum Beispiel Eleonora Buratto (Susanna) mit ihrem stufenlos pegelbaren, raumgreifend-kühlen Sopran. Oder die mit viel Delikatesse gestaltende Asude Karayavuz (Gräfin), die zupackende Annalisa Stroppa (Cherubino) oder der strahlkräftige Virtuose Antonio Poli (Graf).

Für die Toleranz Riccardo Mutis spricht, dass er seine Opernproduktion mit Konzerten garniert, die völlig anders gestrickte Kollegen von der Originalklang-Front bestreiten. Etwa Giovanni Antonini, der mit Il Giardino Armonico im Mozarteum einen fulminanten Streifzug durch die neapolitanische Musik unternimmt. Die Stilunterschiede von Sarri (1679-1744), Durante (1684-1755) und Mancini (1672-1737) werden lust- und temperamentvoll herausgearbeitet. Und Roberto Invernizzi macht aus drei Sopran-Kantaten von Pergolesi (1710-1736) mit Bitterschokoladenstimme drei Dramen-Konzentrate.

Riccardo Mutis fünfjährige Entdeckungstour durchs Neapel des 18. Jahrhunderts ist damit Geschichte. Abgelöst wird er 2012 von Cecilia Bartoli, die zu den nächsten Pfingstfestspielen ein imponierendes Promi-Paket geschnürt hat (wir berichteten). Mutis Konzept krankte dummerweise am Salzburger Festspiel-Virus: Was der Gala-Gast nicht kennt, probiert er nur ungern - auch wenn’s der Star-Maestro reicht. Mit der Bartoli verpasst man nun auch den dortigen Pfingsttagen das übliche Festspiel-Lametta. Der Ableger des Sommerspektakels wird damit ein Stück weit vorhersehbarer. Schade eigentlich.

Markus Thiel

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