Wo Opernsänger baden gehen

München - Er schickt sein Ensemble ins Wasser: Regisseur Andreas Wiedermann spricht im Merkur-Interview über seine neue Inszenierung „The Turn of the Screw“ im Müller’schen Volksbad.

Ein Glück: Das Müller’sche Volksbad wird noch bis Mitte September renoviert und ist daher frei für eine neue Unternehmung der Opera Incognita. Darauf ist, nach dem verblüffend gelungenen Mozart’schen „Idomeneo“ vor zwei Jahren, jeder neugierig, der Spaß hat an Andreas Wiedermanns Exkursionen zu ungewohnten Spielräumen für wohlbekannte Opern. Morgen feiert seine Inszenierung der Kammeroper „The Turn of the Screw“ (Die Drehung der Schraube) von Benjamin Britten im Volksbad Premiere – der britische Komponist wäre heuer 100 Jahre alt geworden. „The Turn of the Screw“ entstand 1954 und beruht auf einer unheimlichen Erzählung von Henry James, die 1898 erschienen ist. Wir sprachen mit Andreas Wiedermann über seine Inszenierung im Wasser.

„Idomeneo“, in der es von Schiffbrüchigen nur so wimmelt, hat einen starken Bezug zum Wasser. Aber „The Turn of the Screw“? Da gibt es doch nur eine Szene an einem See...

Die See-Szene ist nur ein Punkt für unsere Wahl. Musikästhetische Gründe kommen dazu. In der nicht einfachen Akustik des Volksbads kann man eigentlich nur Barockes und Neues machen. Wir wollten ein Stück des 20. Jahrhunderts und das in neuen Bildern zeigen. Das spielt ja immer in einem geschlossenen Raum, in einem englischen Landhaus. Wir versetzen die Handlung in ein englisches Seebad um 1900 – übrigens wurde das Müller’sche 1901 erbaut – und bringen richtigen Badebetrieb ans Wasser. Auch im Kostüm, mit Hüten, Badeklamotten von 1900, Sockenhaltern...

Und woher kommen die Personen, die Sie für diese Szenerie brauchen?

Unser Dirigent Ernst Bartmann hat den originalen Prolog für vierstimmigen Chor gesetzt, weil wir unseren Chor ja auch beschäftigen wollten. Und in der ersten Szene geht die neue Gouvernante, die selber nicht schwimmen kann, mit den Kindern baden.

Das Stück um die beiden letztlich allein gelassenen Waisenkinder ist ja beklemmend, voller Andeutungen...

...die nie aufgelöst werden, aber da müssen wir, wie Britten, ganz genau die Spuren verlegen.

Es kommen Geister vor, die nur von den Kindern gesehen werden, diese ins Wasser locken. Am Ende ist der kleine Miles tot. Das Stück hat mit Missbrauch zu tun, ist also durchaus aktuell.

Ja, mit Missbrauch und Verdrängung; auch darum haben wir es ausgesucht. Und das Wasser steht bei uns für den Ort der Verführung, für das Libidinöse.

Sie brauchen zwei richtig gut singende Kinder. Wie haben Sie diese gefunden?

Das war echt schwer. Wir haben nach dem Jungen ein halbes Jahr gesucht und wollten schon aufgeben. Einen Tölzer Knaben können wir uns nicht leisten, aber schließlich fanden wir einen Zwölfjährigen aus einer Musikerfamilie aus Passau, der auch Cello spielt, was der Arbeit sehr nützt. Und das Mädchen ist vierzehn, hat schon Gesangsunterricht. Die Kinder sind morgens immer als Erste da. Wenn wir kommen, sind die schon im Wasser. Immer mitNeopren unter den Kleidern, auch der Chor. Sonst wird es bei den langen Proben zu kühl.

Gesungen wird im englischen Original?

Ja, aber mit Übertitel.

Das Gespräch führte Beate Kayser.

Premiere

von „The Turn of the Screw“ ist morgen im Müller’schen Volksbad, Rosenheimer Straße 1. Weitere Vorstellungen sind am 4., 5., 6., 8., 10. und 11. September jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 0151/ 15 80 90 91.

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