Töne wie aus einer anderen Welt: Margaret Price, die mit 69 Jahren in ihrer walisischen Heimat gestorben ist, hatte München zu ihrer zweiten Heimat erkoren. foto: dpa

Zum Tod der Opernsängerin Margaret Price

München - Es war die schönste, die kostbarste der vergangenen Jahrzehnte. Am Freitag ist diese Stimme für immer verstummt - Margaret Price ist in ihrer walisischen Heimat mit 69 Jahren an Herzversagen gestorben.

Manchmal tat sie es heimlich, zu Hause, in ihrer Küche. Beim Kochen sang Margaret Price aus Lust und Wonne das schwärzeste Biest der Operngeschichte: Verdis Lady Macbeth. Eine Rolle, die sie so gern einmal auf der Bühne verkörpert hätte. Eine Partie aber auch, das wusste sie, die sie nie würde schaffen können. Die Lady wäre Gift gewesen für sie. Für eine Stimme, die nur mit einem Superlativ beschrieben werden kann: Es war die schönste, die kostbarste der vergangenen Jahrzehnte. Am Freitag ist diese Stimme für immer verstummt - Margaret Price ist in ihrer walisischen Heimat mit 69 Jahren an Herzversagen gestorben.

Kaum einen Opernstar gibt es, dem dieses merkwürdige Phänomen vergönnt ist: Hebt der Gesang an, entfaltet er einen Sog, der zum Hinhören zwingt, der auch sämtliche „Nebengeräusche“ im Auditorium sofort verstummen lässt. Vielleicht, weil dieser Gesang, wie eben bei Margaret Price, aus einer anderen Dimension zu kommen schien. Allem Irdischen entrückt, makellos, wahrhaftig. Eine dunkle, lyrische Stimme, die im Piano vibratolos instrumental sein und sich auch zu dunkler Fülle öffnen konnte. Eine Klang gewordene Melancholie und Sehnsucht „sprach“ aus dem Gesang der Price. Ihre Kunst war keine des gleißenden Tages, sondern die einer Nacht, die vom verführerischen Mondlicht erhellt wird.

Für Mozart war sie damit prädestiniert. Zunächst mit dem Cherubino, dann mit Pamina und Fiordiligi wagte sie die ersten Schritte in dieses Fach. Der Gipfel war schließlich mit der „Figaro“-Gräfin erreicht, mit jener Rolle, die sie gottlob und sehr oft im Münchner Nationaltheater gestaltet hat. Wer ihr „Dove sono“ gehört hat, wird diese Klage einer verletzten Frau nie vergessen - keine andere drang so tief in diese Rolle ein, keine andere traf mit ihr auch so tief ins Herz der Zuhörer.

München war so etwas wie die zweite Heimat von Margaret Price, die aus dem walisischen Blackwood stammt. In England sang sie schon bald unter Otto Klemperer und Georg Solti, der Durchbruch kam allerdings in Deutschland, 1971 in Köln mit Mozarts Donna Anna in Jean-Pierre Ponnelles „Don Giovanni“-Inszenierung. Wales verließ sie irgendwann, wohnte in Paris, um dann an die Isar zu ziehen. Mit dem hiesigen Publikum habe sie „die besseren Freunde“, wie die Price einmal ironisch in einem Interview sagte. Und mit der internationalen Karriere wuchsen auch die Aufgaben. Selbstkritisch und vorsichtig tastete sie sich zu Verdi vor, zur „Maskenball“-Amelia, zur „Don Carlo“-Elisabetta, vor allem zur „Otello“-Desdemona, einer weiteren dieser bemitleidenswerten, versehrten Opernfrauen, die neben der Gräfin zu ihrer besten Partie wurde. Die Bayerische Staatsoper ermöglichte Margaret Price auch eine Wunschrolle: 1984 sang sie hier an der Seite von Neil Shicoff und unter der Leitung von Giuseppe Patané eine unvergleichliche Adriana Lecouvreur in Francesco Cileas gleichnamiger Oper.

Mag Margaret Price auch zu „junonischer Fülle“ geneigt haben, wie es einmal vorsichtig umschrieben wurde: Sie war der beste Beweis, dass dank eines erfüllten, atmosphärischen, „gestischen“ Gesangs jede Debatte um das Aussehen eines Künstlers zur Nebensache wird. Nicht alles gelang auf den Ausflügen in Randbereiche ihres Repertoires. Eine konzertante Münchner Aufführung von Bellinis „Norma“ blieb ein Versuch, eine ganz andere Partie wurde dagegen ein geglücktes Experiment: Carlos Kleiber überredete Margaret Price Ende der Siebzigerjahre zu Wagners Isolde. Gern hätte er es live im Opernhaus versucht, der Sopranistin war solch Hochdramatisches allerdings nicht geheuer. Es kam also in Dresden „nur“ zur Schallplatten-Produktion - und an der Seite René Kollos als Tristan gelang die Referenz-Aufnahme.

Die intime Kunst von Margaret Price, ihre so berückend innige Gestaltung, die genaue Textbehandlung, all das waren auch ideale Voraussetzungen für das Lied. Ob Mahler, Schubert oder Schumann: Diese vor allem in München alljährlich angesetzten Abende waren fast ebenso begehrt wie ihre Opernauftritte.

Immer mehr zog sich Margaret Price schließlich von der Opernbühne zurück, gab nur noch Konzerte, bis sie 1998 ihre Karriere beendete. Der berufliche Einschnitt wurde auch zu einem persönlichen: Die Price verließ München, zog sich in die walisische Heimat zurück. In einem Dorf am Meer widmete sie sich ihrer Kochkunst - und, stets umgeben von einem Rudel Golden Retriever, der Hundezucht. Dank einiger weniger Opern-Gesamtaufnahmen sowie wunderbarer Lied- und Arien-CDs wird die Stimme der Margaret Price nachhallen: Wenn irgendwo da oben gesungen werden sollte - es kann eigentlich nur so klingen.

Markus Thiel

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