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Ein (Alb-)Traum der Oper: Joyce DiDonato in ihrer ersten Kinorolle, ab Februar ist sie an der Bayerischen Staatsoper als Rossinis Semiramide zu erleben.

INTERVIEW ZUM KINOSTART

Opernstar Joyce DiDonato: „Glamour? Ich bin doch aus Kansas!“

München - Bislang kannte man Joyce DiDonato „nur“ als Opernstar, nun ist sie im Kino als schlechteste Sängerin der Welt zu erleben. Die US-Amerikanerin ist Mittelpunkt der „Florence Foster Jenkins Story“. Im Interview spricht sie darüber, was sie von der Anti-Diva gelernt hat.

Die großen Bühnen der Welt reißen sich um sie. Dies nicht nur, weil Joyce DiDonato eine hervorragende Mezzosopranistin ist. Sie sucht auch durchdacht, reflektiert und mutig nach Neuem. Als Moderatorin der Met-Kinoübertragungen, als Bloggerin und neuerdings sogar als Schauspielerin. An diesem Donnerstag kommt „Die Florence Foster Jenkins Story“ in die Kinos. Außerdem ist gerade ihre neue CD „In War and Peace“ erschienen, und im Februar 2017 singt sie die Titelpartie in der Neuinszenierung von Rossinis „Semiramide“ an der Bayerischen Staatsoper.

Als Kind hatten Sie den Traum, Pop- oder Musicalsängerin zu werden oder Broadway-Star, also in eine Welt des Rampenlichts und der großen Pose einzutauchen. Spüren Sie da eine charakterliche Verbindung zu Florence Foster Jenkins?

Eigentlich hat mich nicht diese Glamour-Attitüde angetrieben. Ich bin doch aus Kansas! So was macht man dort einfach nicht! Also wurde ich Lehrerin. Dann erst trat die Oper in mein Leben, und ich habe hart gearbeitet. Das tue ich bis heute. Mich beschäftigt es, meine Rollen und ihre Geschichte intensiv darzustellen. Da merke ich fast gar nicht, dass ich auf der Bühne bin. Darum gibt es keinen Platz für Allüren. Als Florence in mein Leben platzte, geschah etwas anderes mit mir. Ich habe das riesige Glück, dass es nicht mehr nur darum geht, Arbeit zu finden oder an tollen Häusern zu singen. Vielmehr bin ich an einem Punkt, an dem ich mich als Künstlerin frage: Was will ich eigentlich mitteilen? Wie sehe ich mich? Will ich mehr Mozart singen? Ganz neue Projekte? Rossini-Spezialistin sein? Und da hat mich Florence total inspiriert. Sie hat genau das gemacht, was sie wollte. Ohne Rücksicht auf Verluste ist sie konsequent ihrer Passion gefolgt.

Ihr erster Kontakt zu Foster Jenkins war im Studium, als Kommilitonen Ihnen ihre Platten empfahlen. Ihre erste Reaktion war – natürlich – Lachen. Tut sie Ihnen nicht leid?

Als ich unseren Film gesehen habe, dachte ich: Was wäre mit ihr passiert, wenn ihr Mann oder ihr Pianist zu ihr gesagt hätten, dass sie vollkommen talentfrei sei? Wahrscheinlich: „Ihr habt keine Ahnung und seid gefeuert!“ (Lacht.) Oder sie hätte aufs Singen verzichtet und wäre todunglücklich geworden, in der zerstörerischen Angst, etwas unversucht gelassen zu haben. Deswegen hat sie genau das Richtige getan. Heute schließt sich der Kreis, es ist wie ein später Lohn: Gerade wurden drei Filme über sie gemacht, sie wird auch von Meryl Streep gespielt! Eigentlich ist Florence eine der berühmtesten Sängerinnen klassischer Musik…

Zu den Konzerten von Foster Jenkins gehörte auch das Gesamterlebnis mit aufwendigen Kleidern, Licht und so weiter. Dem stehen Sie auf den Fotos zu Ihrem Album „In War and Peace“ in nichts nach.

Auch da spürte ich den Florence-Einfluss: Just go for it! Einfach mal den Erwartungen entgegenstehen, wie Oper angeblich seit Hunderten Jahren auszusehen hat. Neue Wege zu finden, klassische Musik zugänglich zu machen, das beschäftigt mich sehr. In Deutschland ist es noch nicht so schlimm, aber in vielen anderen Ländern gehört die Oper definitiv nicht mehr zur allgemeinen Kultur. Ihr haftet das stereotype Stigma an, sie sei altmodisch. Ich möchte das erreichen, was die Werke einst auslösten: zum Nachdenken reizen, provozieren, ungekannte Emotionen vermitteln. Ich glaube fest daran, dass die Oper das immer noch kann. Darum dürfen wir auch nicht das geistige Niveau herunterschrauben und die Oper kleiner machen, als sie ist. Wir müssen die Menschen für sie begeistern, dies aber mit zeitgemäßen Mitteln.

Sie sind solche Wege gegangen und haben im Gefängnis gesungen.

Das war das außergewöhnlichste Erlebnis meiner Laufbahn. Die New Yorker Carnegie Hall hat ein Programm, mit dem sie Insassen des Sing-Sing-Hochsicherheitsgefängnisses Kompositionsunterricht gibt. Nachdem ich dort gesungen habe, wurden für mich Lieder und Duette geschrieben. Deswegen bin ich dieses Jahr noch einmal hin. Ich habe unter anderem Didos Lamento gesungen und die Häftlinge im Chor die Basslinie dazu. Da sagte ich: „Das klingt toll, aber wo ist die Emotion, das Gefühl dieser verzweifelten Frau, die einen Suizid begehen will?“ Einer von ihnen, Joseph, der in den zehn Monaten zwischen meinen beiden Besuchen eine unglaubliche Entwicklung gemacht hat, meinte: „Aber am Schluss der Arie ist sie davon schon erlöst, das hört man ganz deutlich!“ Und er hat Recht! Ein Gefangener hat die Musik genau erfühlt. Vielmehr: Er hat mir, dem „Profi“, eine völlig neue Sichtweise aufs Stück vermittelt. Joseph komponiert jetzt eine Oper. Und ich muss wirklich nie mehr die Frage beantworten: „Ist Oper noch relevant?“

Ihr nächstes Rollendebüt ist „Semiramide“ hier in München. Ist diese Rolle für einen Sopran oder einen Mezzo?

Für eine Colbran. (Rossini komponierte die Partie für seine Frau Isabella Colbran, Anm. d. Red.)  Für mich ist es ganz ähnlich wie bei „La donna del lago“, wo die Hauptpartie auch sehr lange Hoheitsgebiet der Soprane war. Aber wenn ich mir die Partitur ansehe, passt sie total zu meiner Stimme. Ich singe natürlich einige Superspitzentöne nicht, die sich beispielsweise eine Caballé erlaubt hat, weil sie das konnte und sie damit – da muss man ganz ehrlich sein – großen Effekt erzielt hat. Aber so wie es ursprünglich geschrieben ist, braucht man eine sehr füllige Mittellage, es gibt hohe und tiefe Töne. Insgesamt liegt die Semiramide nicht so hoch, das war für mich entscheidend. Eine monumentale Rolle, auf die ich mich schon sehr lange freue!

Das Gespräch führte Maximilian Maier.

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