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„Viel vom Innenleben Agathes offenbart“: Juliane Banse in Jens Neuberts Verfilmung von Carl Maria von Webers „Freischütz“. Der aufwändige Streifen kommt am 23. Dezember in unsere Kinos.

Opernstars auf Abenteuerurlaub

München - Fast ausgestorben: Nach langer Zeit gibt es nun wieder großes Opernkino. Regisseur Jens Neubert verfilmte Carl Maria von Webers „Freischütz“ mit einer Spitzenbesetzung und an passend deutschromantischen Schauplätzen.

Abholung 5.30, Drehbeginn um 6 Uhr, das heißt: Aufgestanden wird zu einer Zeit, zu der gewöhnliche Sänger manchmal erst in die Federn kommen – nach gestemmter Opernpartie und genossenem Nachtmahl. „Witzige Umstände“ seien das gewesen, sagt Michael Volle – um die gleich näher zu definieren: „Wir waren kaputt, dreckig. Ich hatte überall blaue Flecken, Stacheln in den Händen, vor allem habe ich tagelang gestunken.“ Was auch daran liegt, dass Volle mit der übelsten Partie betraut wurde: mit Kaspar, der im Bunde mit dem Teufel jene Freikugeln gießt, die – bis auf eine – jedes gewünschte Ziel treffen.

Doch wer Volle durch die Wolfsschlucht kriechen sieht oder wie er sich in sächsischem Matsch wälzt, ahnt bald: Der Mann hat Spaß. Für Stars wie ihn, Juliane Banse, Olaf Bär, Franz Grundheber und Michael König war’s jedenfalls eine komplett neue Erfahrung. Im Juli 2009 standen sie, meist jeder für sich in eine Kabine gepfercht und mit Kopfhörer versehen, in den Londoner Abbey Road Studios, wo unter anderem die legendären Beatles-Scheiben entstanden. Nach abgeschlossener Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra unter Daniel Harding traf sich die Film-Crew kurze Zeit später in der Nähe von Dresden, wo mit dem Elbsandsteingebirge eine schaurig-schöne Kulisse gefunden wurde.

Dass in den dreiwöchigen Dreharbeiten oft nur drei bis vier Filmminuten pro Tag geschafft wurden, mag Wagner-gestählte Sänger irritiert haben. Noch mehr freilich, dass der „Soundtrack“ als Playback dienen sollte – was man aber mit einem Trick bewältigte: Die meisten sangen dann doch live zur eingespielten Tonspur, die Anstrengung des Singens wird nun auch für Kino-Gänger erlebbar.

Das größte Problem: Normalerweise klafft zwischen Sänger und Fan mindestens ein Orchestergraben, im Regelfall ein Abstand von bis zu 20 Opernhaus-Metern. Bei diesem Film rückte nun das Objektiv allen auf den Pelz, was bei Volle mit Viertagesbart und Michael König als Max mit schmierigem Zottel-Outfit wörtlich zu nehmen ist. Als sich die Stars dann erstmals auf Leinwand-Größe erlebten, traf manchen folglich der Schock: Von „Wow!“ bis „Gott, bin ich dick geworden!“ reichte etwa bei Volle die Reaktionsspannweite.

Wer große Gesten gewohnt war, wurde von Regisseur Neubert an die kurze Leine genommen. Volle, ein Mann der Spiellust, musste da (erfolgreich) umdenken. Ohnehin entpuppen sich im Endprodukt alle Beteiligten als erstaunlich Kino-versiert. Am besten kommt mit dem Genre Juliane Banse als Agathe zurecht. Dass der Film im Original „The Hunter’s Bride“ (Die Braut des Jägers) heißt, passt also perfekt. „Ich fand es wohltuend, hier mehr Facetten von Agathe zeigen zu können“, sagt die Sopranistin. „Im Grunde ist sie doch auf der Bühne ein dröges Mädchen, hier konnten wir viel von ihrem Innenleben offenbaren.“

Als aufwändiger Historienstreifen inklusive Soldatenaufläufen und einem (stummen) Auftritt Napoleons kommt dieser Film daher. Der Grund: Jens Neubert verlegte die Handlung nicht nur in die Entstehungszeit, sondern auch an den Entstehungsort. Carl Maria von Weber war seinerzeit Kapellmeister an der Hofoper in Dresden, Sachsen wiederum stand während der napoleonischen Kriege auf Seiten des Kaisers. Aus Webers Grusel-Oper wird nun ein menschliches Drama vor dem Hintergrund einer historisch verbürgten, blutigen Auseinandersetzung.

Für Banse waren die gut drei Wochen Dreharbeiten ein „Abenteuerurlaub“. Eine Sache nur habe sie anfangs irritiert: dass das Filmteam an den Stars mit gesenkten Köpfen vorbeischlich. Irgendwann kam heraus: Die Crew hatte Order, den Opernleuten nicht zu nahe zu kommen. „Das hatten wir dann schnell geändert und sofort eine Riesenstimmung.“ Was auch notwendig war, hatte Juliane Banse doch eine der extremsten Einstellungen zu bewältigen: Um drei Uhr morgens wurde sie am allerletzten Drehtag gut angeseilt aufs Dach geschickt, um sich in einer Vision dem geliebten Max entgegenzuträumen. „Da greift man natürlich zu Angora-Unterwäsche.“

In den letzten Zügen schien bis zu Neuberts Werk das Genre Opernfilm. Vor allem Jean-Pierre Ponnelle schuf in den Siebziger- und Achtziger-Jahren mit seinen Mozart- und Rossini-Adaptionen Wegweisendes: Der Franzose verlegte sich nicht aufs bloße Abfilmen von Inszenierungen, sondern schuf tatsächlich eine eigene Kino-Ästhetik. Joseph Loseys opulenter „Don Giovanni“ (1979) mit Ruggero Raimondi ist mittlerweile schon Legende, zuletzt entstanden „Tosca“ (2002) und „La bohème“ (2008). Ob der „Freischütz“ diese Reihe nun erfolgreich fortsetzt? Fest steht: Jeder der Stars würde sofort wieder vor die Kamera treten. „Ein harter und tränenreicher Abschied“, sei das nach den Drehwochen gewesen, sagt Michael Volle wehmütig. „Ich bin mir vorgekommen wie in meinen Anfängerjahren.“

Von Markus Thiel

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