Opfer gefrorener Herzen

- Großes Glück für "Klein Eyolf". Mit der Premiere von Henrik Ibsens spätem, nur selten gespieltem und daher kaum gekanntem Stück - Uraufführung 1894 -hat das viel zu schmal budgetierte Münchner Volkstheater eine Aufführung, um die sie in dieser Stadt jede üppig subventionierte Bühne beneiden muss. Florian Fiedler, erst 25 Jahre alt, ist der Regisseur.

<P>Und um es gleich vorweg zu sagen: Seine Inszenierung ist wunderbar genau aus den Figuren heraus entwickelt, sie ist sinnlich, unprätentiös, frei von Eitelkeit, sie hat Herz und Gefühl und ist mit der sparsam und klug eingesetzten Musik zwischen Saint-Saë¨ns' "Karneval der Tiere" und Grönemeyers "Mensch" von intelligenter Modernität.</P><P>Der Zweifel, ob Ibsen, dieser Dramatiker der spätbürgerlichen Lebenslügen, der Autor der großen Diven des realistischen Theaters, fürs junge Ensemble des Münchner Volkstheaters der Richtige ist, verfliegt sofort mit Beginn des Abends. Mit dem Marschbefehl "Links, links, links", der hinter der Bühne zu hören ist. Dann öffnet sich eine der beiden hohen Wohnzimmertüren, und herein marschiert hinkend Klein Eyolf im Tarnanzug.</P><P>Denn er spielt Soldat, der er einmal werden will, es aber wegen seiner Verkrüppelung nie werden wird. Er salutiert militärisch, singt "Wildgänse rauschen durch die Nacht", markiert martialisch Maschinengewehrsalven und Kanoneneinschlag, kopiert perfekt das, was so ein kleiner, allein gelassener Junge alles an Kriegsspielen im Fernsehen zu sehen bekommt.</P><P>Wenige Szenen später springt er auf die viel zu hohe Bank und seiner Tante Asta auf den Schoß, weil die ihn mehr zu lieben scheint als Mutter und Vater. Der nämlich hat es sich soeben auf dem gegenüberliegenden Möbel gleichfalls bequem gemacht _ auf dem Schoß seiner Frau, die er nach einer Entsagungstour durch die Berge nicht mehr als Frau, sondern als Mutter begehrt, was der, begreiflicherweise, nicht gefällt.</P><P>Aber Eyolf, bei Ibsen der neunjährige Sohn des Ehepaars Allmers, wird hier nicht von einem Kind dargestellt, sondern von Leopold Hornung, einem ausgewachsenen jungen Mann. Und es ist eine der staunenswerten Seiten dieser Inszenierung, wie selbstverständlich und glaubwürdig Hornung die rührende Kindlichkeit und Naivität, Traurigkeit und Einsamkeit des Knaben darstellt. Dabei wird nicht auf szenischen Witz verzichtet, wenn Hipp-Gläschen und Buddelsand ins Spiel kommen. Dass Florian Fiedler, anders als bei Ibsen, die Rolle des Eyolf ausbaut, indem er ihn auch noch nach seinem Tod durch Ertrinken immer wieder an die Seite der Eltern stellt, ist eine nur logische Konsequenz.</P><P>Denn Ibsens Drama erzählt von der vertrackten Dreiecksbeziehung zwischen Alfred Allmers, seiner Frau Rita und seiner Schwester Asta. Wodurch das Stück uns Heutigen jedoch so nah ist und es sich auch für den Volkstheaterspielplan legitimiert, ist die tragische Verlorenheit des Kindes. Eyolf geht an der Liebesunfähigkeit der Großen zugrunde, daran, dass sie alle nur mit dem eigenen Ego beschäftigt sind, mit ihrem verkorksten, eitlen Selbst. Und der Regisseur scheut sich daher nicht, zwischendurch immer wieder frontal das Publikum anzusprechen.</P><P>Einmal gar schickt er Eyolf langsam hinkend im Eisbärfell durchs Parkett, auf dass die gefrorenen Herzen der Zuschauer schmelzen mögen. Ein Grönemeyer-Zitat zwar, dennoch ein mutiger, sehr berührender Moment.</P><P>Fiedler nimmt, was die übrige Besetzung betrifft, Ibsen beim Wort: Alle Rollen werden von sehr jungen Schauspielern gespielt, und jeder bringt der Regisseur tiefes Verständnis entgegen. Brigitte Hobmeier, die bisher am Volkstheater eine eher schwache Geierwally ist, spielt hier sehr bestimmt, modern und überzeugend die kühle Rita, die durch den Tod des kleinen Sohnes zu einer mitmenschlichen Stärke gelangt.</P><P>Karsten Dahlem, der die vielleicht schwerste Rolle des Stücks hat, versieht den zwischen zwei Frauen stehenden Alfred Allmers zunächst mit elitär-arroganter Entsagungs-Trotteligkeit. Dem Seelenchaos und Durcheinander der Gefühle, das durch Eyolfs Ertrinken offenbar wird, versucht er vergebens zu entfliehen: Der Schauspieler rast, springt, fällt in einer furiosen Szene gegen die ihn umgebenden Wände der Einsamkeit und der uneingestandenen Liebe zu seiner Halbschwester Asta. Katja Müller gibt dieser Figur geheimnisvolle Verhaltenheit und innere Zerrissenheit.</P><P>Als sympathischer, forscher Straßenbau-Ingenieur, sozusagen der Kontrapunkt zur lebenslügenden Allmers-Sippe, zeigt Florian Stetter, was er kann. Dann gibt es noch die eigentlich kleine Rolle der Rattenjule, jener geheimnisvollen Märchenfrau, die Eyolf in ihren Bann und schließlich in den Tod zieht. Bei Florian Fiedler wird diese Figur mächtig aufgewertet und damit zur Inkarnation der kindlichen Sehnsucht Eyolfs, zu seiner Verbündeten, die wie er den Tarnanzug des Soldaten trägt und ihm beisteht, wenn er nach seinem Tod unerkannt präsent bleibt. Dass hier keinerlei Sentimentalität aufkommt, dafür sorgt Sophie Wendt mit ihrem herben, klaren Spiel.</P><P>Ungeachtet der einzelnen Leistungen, ist das Beste, was diese Aufführung ausstrahlt, ihre unaufgesetzte, überzeugende, ernsthafte Jugendlichkeit, die das Premierenpublikum immer wieder staunen ließ über die Stärke des Gefühls und den selbstverständlichen hohen moralischen wie ästhetischen Anspruch ans Theater. Das alles spiegelt sich auch in dem inspirierenden Bühnenbild von Maria-Alice Bahra wieder: für den Innenraum der ersten Szenen eine schmale Reliefbühne, deren Rückwand sich in dem Moment öffnet, wenn der soeben ertrunkene Eyolf an Rattenjules Hand noch einmal das Haus verlässt. Jetzt ist die mit weißem Strandsand bedeckte Bühne von rot schimmernden Wänden umschlossen. Hoch oben kleine Luken, durch die die Figuren auf den Fjord hinuntersehen können. Eine Ahnung von Landschaft - der Natur und der Seelen. <BR></P>

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