Opfer und Opportunist

- "Vorbei ist die Zeit der Händel und Raufleute/ Nun kommt die Zeit der Händler und Kaufleute." Für das Genre historischer Biografien ist Brechts Prophezeihung eingetroffen. Nicht mehr Kriegsherren und Politiker stehen zurzeit im Zentrum des Interesses; die Aufmerksamkeit gilt verstärkt den ökonomischen Aspekten und damit jenen Managern, die "Verantwortung tragen", wie sie es selbst gern umschreiben - aus Sicht anderer sind sie einfach sehr mächtig.

<P>Als "mit Abstand mächtigster Mann in Deutschland" galt Hermann Josef Abs (1901-1994) einem Fachmagazin noch kurz vor seinem Tod. Indiz für die "Legende Abs", die sein Biograf Lothar Gall respektvoll beschreibt und doch subtil auch von der Wirklichkeit dieses Lebens zu trennen sucht, die dem Historiker nach Sichtung von unglaublichen 5000 Aktenordnern Material viel komplexer erschien, als sich in wenigen Sätzen sagen ließe.<BR><BR>Nach 1945 galt Abs als Graue Eminenz im Beziehungsgeflecht zwischen Staat und Wirtschaft. 1937 war er in die Deutsche Bank eingetreten, von 1952 bis 1976 war er Vorstandssprecher. Spannend und verständlich beschreibt Gall Abs, die rasche Karriere seit Anfang der 20er-Jahre; zeichnet Abs' Herkunft aus bürgerlich-katholischen Verhältnissen nach, wozu neben schönen - Toleranz, Fleiß, Unabhängigkeit - auch unangenehme Eigenschaften gehören: "A wie Abs, B wie Abs, S wie Abs", pflegte er arrogant zu buchstabieren, war autoritär und überzeugt, "in seiner Person jeweils die wahren Interessen des Gemeinwesens zu verkörpern".<BR><BR>Problematisch wird dieses Verständnis in Zeiten der Diktatur. Abs war kein Nazi, aber er passte sich an und nutzte den Vernichtungskrieg bewusst, um den Interessen der Bank zu dienen. Verbrechen sind nicht nachweisbar. Abs war an "Arisierungen" beteiligt, sprach selbst von "Raubgemeinschaft" zwischen Regime und Wirtschaft. Offen bleibt, was er von Zwangsarbeitern und Holocaust wusste oder verantwortete. "Dass man nichts davon wusste, nehme ich nur wenigen ab", meinte Abs selbst. Einerseits war er im Aufsichtsrat der IG Farben, die von Auschwitz profitierte, andererseits gibt es bisher keine Quellen, aus denen klar hervorgeht, was dem Aufsichtsrat bekannt war und gebilligt wurde. Wie sich dies zum "Neuhumanismus" verhält, von dem Abs laut Gall so geprägt war, ist unverständlich. Seine Vita handelt nicht nur von der Stärke bürgerlicher Tradition, sondern auch von ihrem Versagen.<BR><BR>Eine völlig andere, doch nicht minder bürgerliche Biografie ist es, die Avraham Barkai erzählt: Eine Generation älter als Abs war Oscar Wassermann (1869-1934), Erbe einer Regensburger Privatbank. 1912 trat er in den Vorstand der Deutschen Bank ein, wurde 1923 Vorstandssprecher. Auf sehr schmaler Quellenbasis zeichnet der Historiker ein eindringliches Porträt eines zu Lebzeiten wichtigen Bankiers, der als eines von zwei jüdischen Vorstandsmitgliedern der Deutschen Bank jener Zeit einen Ausnahmefall repräsentierte. Weltoffen, wirtschaftlich konservativ war Wassermann in seinen Ansichten recht typisch für die Mehrheit der Banker der Weimarer Republik.<BR><BR> Zwischen 1923 und 1933 musste er das Unternehmen durch mehrere Inflationen und eine Weltwirtschaftskrise führen, was ihm erfolgreich gelang. Nach der NS-"Machtergreifung" 1933 wurde Wassermann schon im April in einem "Akt vorauseilenden Gehorsams" entlassen. Ein Jahr später starb er als gebrochener Mann. <BR><BR>Beide Bücher ergeben zusammen gelesen eine repräsentative Geschichte der Deutschen Bank und des deutschen Bankwesens im 20. Jahrhundert. So wie Wassermanns Leben ein "Paradigma der deutsch-jüdischen Wirtschaftselite" bis 1933 und den Bruch dieses Jahres darstellt, steht Abs für die Kontinuität der deutschen Wirtschaft. Wassermann wurde 1933 ein Opfer des "politischen Umschwungs", wie eine Bankbroschüre noch 1957 verharmlosend formulierte. Abs, dem seine Herkunft nicht im Wege stand, war sein Leben lang ein Diener aller Herren, mit dem Geschick, sich nie so festzulegen, dass er angreifbar wurde, flexibel und kühl wie das Geld, das durch seine Hände rann. Die Zeit der Händler und Kaufleute ist immer auch eine Blütezeit des Opportunismus.</P><P>Avraham Barkai: "Oscar Wassermann und die Deutsche Bank. Bankier in schwieriger Zeit". C. H. Beck Verlag, München, 181 Seiten; 22.90 Euro.<BR><BR>Lothar Gall: "Der Bankier. Hermann Josef Abs". C. H. Beck, 526 Seiten; 29.90 Euro-</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“
Reinhold Messner erklärt im Interview, warum Südtirol als Vorbild für Europa taugt. Und er spricht über sein neuestes Projekt: eine Himalaya-Hängebrücke.  
Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“
„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft
Augsburg - Die Sanierung des Stammhauses zwingt das Ensemble des Augsburger Theaters gerade ins Exil. Für Verdis „Otello“ wanderte man in den „Kongress am Park“ aus. …
„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft
Landung im Comic-Welttheater
München - Der Münchner Theaterakademie glückt mit „Flight“ von Jonathan Dove eine erstaunliche Aufführung.
Landung im Comic-Welttheater
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
München - Heute wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert sich ein Besucher an sein letztes Konzert mit Nirvana in München.
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München

Kommentare