Optionsscheine für ein neues Leben

- Kaum ist der größte Rummel vorbei, kaum haben die Verlage ihre Zelte in Frankfurt abgebrochen, haben sich Buchhändler und Autoren von den Strapazen der Buchmesse erholt, geht es in München munter, aber entspannt weiter. In der nach New York zweitgrößten Verlagsstadt der Welt lassen es sich nämlich die bayerischen Verlage nicht nehmen, alljährlich mit ihrer Münchner Bücherschau noch eins draufzusetzen.

Heute findet im Gasteig die Eröffnung der 46. Ausgabe der Schau statt, die sich in diesem Jahr gar mit Internationalität schmücken kann: In Sonderausstellungen präsentieren sich Verlage aus Österreich und der Schweiz.

Im Unterschied zu ihrer großen Frankfurter Schwester richtet sich die Bücherschau vor allem ans Lesepublikum: Blättern, Schmökern, Sich-Festlesen in den ausgestellten über 20 000 Titeln ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Außerdem ist es möglich, in den kommenden 17 Tagen in besonders großer Dichte Autoren, ob von literarischer Relevanz oder eher schillernder Prominenz, persönlich zu erleben. Etwa Jostein Gaarder, Ruth Maria Kubitschek, Christiane Hörbiger, Miriam Pressler, Michel Friedman.

Oder Matthias Politycki, dessen neuem Roman "Herr der Hörner" eine "Noche Cubana" mit vorausgehender Lesung ist gewidmet ist. Es passiert am letzten Urlaubstag in Santiago de Cuba. Polityckis Held Broder Broschkus trifft in einer Musikkneipe eine schöne Kubanerin, die ihn zu wildem Tanz auffordert. Ein für allemal ist es um den Hamburger Banker geschehen, um sein gepflegt langweiliges Leben mit Kristina und sein Selbstverständnis vom maßvollen, seriösen Anlageberater.

Ballast des Wohllebens

Die drei Geldscheine, die er der karibischen Dame wechselte, begreift er als Optionsscheine für ein neues Leben. Denn nur wenige Monate später verlässt Broschkus Hamburg für immer und folgt in Santiago den Spuren, die sein Objekt der Begierde mit drei verschiedenen Telefonnummern auf jenen Geldscheinen hinterlassen hat. Was Broschkus aber eigentlich begehrt, ist die Gier selbst.

In äußerst ironischem Gegensatz zum artifiziellen, ziselierenden Stil Polityckis lässt Broschkus sich, anfangs noch täppisch und schüchtern, dann um so genussvoller in das lärmende, brutale Alltagsleben Kubas fallen. Er entdeckt bei Schlachtungen, Hunde- und Hahnenkämpfen den Blutrausch in sich, bei dunklen Opferriten die Lust am Aberglauben und in der Leibesfülle der rüden Iliana eine nie geahnte Erotik.

Wie ein verhinderter Abenteurer den Ballast eines beschwerlichen Wohllebens abwirft, erzählt dieses dicke Opus. Und es könnte diesem gut bekommen, wenn seine musikalisch schwingende Sprache bei der Lesung hörbar wird und später in kubanische Rhythmen übergeht.

Matthias Politycki: "Herr der Hörner". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 736 Seiten; 25 Euro. Lesung und "Noche Cubana" am Samstag ab 21 Uhr im Münchner Gasteig. www. muenchner-buecherschau.de; Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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