Optischer Hausputz

- In neues Licht getaucht präsentiert sich das Münchner Lenbachhaus. Nicht weil bald die "Blauen Reiter" nach ihrem Kölner Gastspiel wieder in voller Pracht zu sehen sein werden, auch nicht weil der Kunstbau wieder in Dan Flavins wunderherrlicher Farbpuder-Atmosphäre eingetaucht ist wie bei seiner Eröffnung 1994. Nein, es ist Dietmar Tanterls etwas geschmäcklerisch "Light/Housing - Raumverwandlung" titulierte Präsentation, die uns die Räume für Wechselausstellungen mit anderen Augen sehen lässt. Optischer Hausputz also. Fürs Museum und zugleich für unsere Sichtweisen. Diese Entstaubung macht - abseits von allen klugen Überlegungen zu Tanterls anspielungsreichen Arbeiten - schlichtweg sehr viel Spaß, ruft frohgemute Schau-Lust hervor.

<P>Im Foyer strahlen einem fast grell die Leuchtstelen entgegen, die der 1956 geborenen Österreicher (seit 1976 Münchner) für den Petuelpark aus Autostrahlern zusammen mit BMW und Osram entwickelt hat. Diese funktionalen Objekte, die schon auch ein bissel Lichtkunst in die Landschaft zaubern, stehen hier stellvertretend für die vielen Werke Tanterls im Rahmen von Kunst am Bau. Genannt seien nur die roten Schriftbänder am Flüchtlingsamt in der Franziskanerstraße. Sie gliedern die Fassade und "verewigen" die ehernen Menschenrechte des Grundgesetzes. Die Auseinandersetzung mit Räumen, mit Architektur, das merkt man sogleich, ist eine wichtige Triebfeder Tanterls, die andere ist die Suche nach historischen Bezugspunkten. Neben den politischen auch - dem Künstler naturgemäß - kunstgeschichtliche. </P><P>Er macht aus diesem Anliegen aber keine postmodern verquaste Manier, sondern ein visuell gepfeffertes Farbpanorama. Dieses läuft als computergesteuerte Animation über eine ganze Saalwand. Psychedelische Farbräusche in konzentrischen Kreisen und verschachtelten Rechtecken verweisen auf die Op Art, lassen aber auch ein Zimmer mit zwei Fenstern, einer Türe und einem rückwärtigen Raum erkennen. Tanterl erinnert an die Liebe der Niederländer des 17. Jahrhunderts zu perspektivisch vertrackten Hallen- oder Zimmerdarstellungen. Man spielte mit Lichteinfall, Spiegelung und komplizierten, geometrischen Ornamenten. Tanterls Rechner jagt nun einen holländischen Tag mit hemmungslosen Farben in die Nacht, wo nur noch die Fenster Mondrian-artig gerastert flackern. Da würde Pieter Janssens, der "Interieur mit Maler, Dame und Magd" einst malte, ganz schön staunen. </P><P>Das tut der Lenbachhaus-Besucher auch, wenn das Licht aus einem nicht vorhandenen Fenster samt Fensterkreuzen über die Decke gleitet oder wenn er zum Beispiel in einen Gang kommt, den es im Museum nie gab - schon gar nicht mit schräger roter Wand und heller Milchglasfront da, wo sicher kein echtes Fenster existiert. Nach diesem Flur verselbstständigt sich die Architektur völlig. Große und kleine Zimmer mit feiner Fenstergliederung gemahnen an die Anfänge der modernen Baukunst. Und wir lernen: Tanterl hat hier getreulich Bauhaus-Meister rekonstruiert. Was da entsteht, wird im nächsten Saal ausgelöscht. Absolute Schwärze tilgt die Dreidimensionalität. Der Tastsinn hilft weiter; das Gehör, falls jemand sich verlauten lässt; und dann erst wieder nach einiger Zeit die Augen. Gierig saugen sie einen Hauch von Licht auf, der die oberen Raumkanten markiert. Weiße Kleidungsstücke schweben plötzlich als Einzelteile herum, bis ihre Träger diesen Platz der kichernden Unsicherheit verlassen haben. </P><P>Bis 9. Januar 2005, Tel. 089/ 233 320 00, Katalog, Springer Wien New York: 39 Euro.<BR></P>

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