Das Orchester fordern

Dirigent Manfred Honeck über seine Arbeit und Musik, die krank macht.

Sie gilt als Schrittmacher der Opernszene – und wurde daher im vergangenen Jahrzehnt zu einem der wichtigsten Musentempel überhaupt. Zu verdanken hat dies die Stuttgarter Staatsoper Ex-Intendant Klaus Zehelein, jetzt Präsident der Bayerischen Theaterakademie. Der holte Regisseure ans Haus, die meist für Muster-Aufführungen sorgten. Unter seinem Nachfolger Albrecht Puhlmann könnte sich nun das Gewicht hin zur Musik verlagern. Verantwortlich dafür ist Manfred Honeck, seit September 2007 Generalmusikdirektor. Was der Vorarlberger dort auch anpackt, es gerät zum fesselnden Opern-Erlebnis wie jetzt gerade seine „Aida“-Premiere (siehe unten). Darüber hinaus ist der Fünfzigjährige Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra und damit Nachfolger von Mariss Jansons.



-Sie waren früher Bratschist, immerhin bei den Wiener Philharmonikern. Warum verlässt man ein solches Orchester, um Dirigent zu werden?Schwer zu sagen. Schon während meiner Schulzeit dachte ich mir: Ja, Dirigent, das könntest du mal machen. Immer wieder habe ich kleine Ensembles geleitet. Ich studierte Tonsatz, Komposition, schaffte die Aufnahmeprüfung. Aber ich hatte eben auch Frau und Kind – mittlerweile sind es übrigens sechs (lacht). Und damals war schon ausschlaggebend: Ich musste einfach Geld verdienen. Als ich das Probespiel bei den Philharmonikern gewonnen hatte, kam der Juryvorsitzende zu mir und sagte: Bitte lassen Sie jetzt das Dirigieren beiseite. Und das war zunächst ein Schock.

-Also Bratsche aus Notwehr?Nein, ich habe das Instrument schon geliebt. Und ich sagte mir immer: Du musst ja nicht dirigieren. Es passierte dann einfach. Zuerst ein Kinderorchester, da fühlte ich mich vor Freude selbst wie ein kleines Kind und dachte mir: Mehr brauchst du nicht. Dann kam ein Dirigentenwettbewerb, und es ging wirklich Stück für Stück weiter. Ein Kammerorchester, später Züricher Oper. Naja, und heute sitze ich hier.

-Kann man in Stuttgart weiter gehen als andernorts?

Möglicherweise schon, weil das Publikum vorbereitet worden ist durch die letzten Jahre. Traditionsbewusste Inszenierungen würden gar nicht so gut ankommen. Es muss immer progressiv und aufregend sein – wobei das Publikum natürlich vielschichtig bleibt.

-In welche Richtung möchten Sie mit dem Orchester steuern?Ich bin der Meinung, dass ein Orchester und ein Chor gefordert werden dürfen. Deshalb habe ich auch zu meinem Einstand 2007 Berlioz’ „Trojaner“ gewählt. Je tiefer und intensiver gearbeitet wird, desto mehr bleibt hängen.

-Was hat Sie denn seinerzeit als Orchestermusiker an Dirigenten am meisten geärgert?Eben wenn nicht gearbeitet wird. Das ist das Fürchterlichste: Wenn man die Noten einer „Aida“ oder einer Brahms-Symphonie vor sich liegen hat, und der Dirigent sagt: „Ach, das klingt schon schön, gehen sie früher nach Hause.“ Dann ist es mir lieber, jemand macht mit Überzeugung etwas musikalisch völlig Falsches. Ein Klangkörper, der im Stillstand spielt, befindet sich schon im Niedergang.

-Wenn Sie an Ihre US-Tätigkeit denken: Stimmt das Klischee, dass dort Sponsoren übers Programm mitbestimmen?Ich muss meine Programmgestaltung natürlich daran orientieren, wie gut’s dem Orchester finanziell geht. Aber eigentlich bin ich da relativ frei. Als Dirigent hat man allerdings auch Verantwortung für ein ganz bestimmtes Repertoire. Ich darf das Publikum schließlich nicht verschrecken. In Pittsburgh planen wir ein regelmäßiges „Mystery Piece“ in den Konzerten: ein unangekündigtes, unbekanntes Stück.

-Wird sich die Finanzkrise auf die Planung auswirken? Müssen Sie nun öfter Gängiges bedienen?Ich hoffe nicht. Unsere Abo-Konzerte des Stuttgarter Staatsorchesters könnten ein Modell sein: Wir haben in fast jedem Programm eine Ur- oder deutsche Erstaufführung. Dies aber verpackt in wichtige, beliebte Repertoirestücke. Meine Sorge gilt allerdings nicht der Programmgestaltung, sondern der Rolle der Musik überhaupt: weil die Klassik im Musikunterricht oder im Elternhaus ausgeblendet wird. Das Ausbleiben dieser Frühförderung ist nicht nur eine Katastrophe für den Musikbetrieb, sondern für die gesamte Gesellschaft.

-Hat auch der Musikbetrieb etwas falsch gemacht?

Zumindest in den letzten Jahren nein. Wir gehen doch mittlerweile in Schulen, starten Jugendaktionen oder Ähnliches. Und auch wenn ich das vielleicht nicht so sagen darf: Die Forschung zeigt uns, dass Musik heilende Kräfte hat. Vor allem bei zwei Komponisten hat die Medizin nachgewiesen, dass der Genesungsprozess wirklich unterstützt wird: bei Bach und Mozart. Nun frage ich mich aber: Existiert womöglich Musik, die krank macht? Nicht nur bei Pop und Rock? Darüber sprechen wir nie. Vielleicht gibt es ja Zusammenhänge etwa zwischen den verheerenden Depressionen bei Jugendlichen und der Musik, die sie hören. Das sollte doch einmal untersucht werden.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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