Das Orchester singt

- Nachdem die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott "Lied" 2003 und das Deutsche Symphonieorchester unter Kent Nagano "Chor" 2004 uraufgeführt hatten, vollendeten am Samstagabend die Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann im Gasteig Jörg Widmanns Orchester-Trilogie mit der Uraufführung seiner "Messe". In allen drei Werken lässt der junge Münchner Komponist das große Orchester singen, überträgt vokale Methoden auf einen instrumentalen Klangkörper.

<P>Auftrag der Philharmoniker<BR><BR>In seiner als Auftragswerk für die Philharmoniker entstandenen "Messe" greift Widmann Teile der katholischen (lateinischen) Liturgie heraus: Kyrie, Gloria und aus dem Credo die beiden Sequenzen "Crucifixus" und "Et resurrexit", bezieht sich auf deren Texte, die er aber nur den Musikern (in der Partitur), nicht den Zuhörern preisgibt. Sie müssen nach einem massiv-wuchtigen Klangkonglomerat des Riesenorchesters selbst die Erbarmensrufe im einstimmigen endlosen Gesang ("Monodia") der verschiedenen Instrumente entdecken. Beeindruckend, wie die Bitten sich verdichteten zum zwei-, dann dreistimmigen Contrapunctus, wie Gitarre, Harfe, Klavier und Schlagwerk zarte Atempausen setzten. Den  scharfen  Kontrast zwischen dem von Blechbläsern und metallisch dröhnendem Schlagwerk behaupteten "Ehre sei Gott" und dem "verschreckten", zweifelnden Streichereinsatz des nachfolgenden "Friede den Menschen auf Erden" formulierten Thielemann und die Philharmoniker mit großer Intensität.<BR><BR>So wie Widmann in der Höhe bei den Streichern und in der Tiefe beim Blech die (Schmerz-)Grenzen ausreizt, sich vom Tonalen bis zum Geräusch bewegt, so wagt er auch im Dynamischen die Extreme, tastet sich mit dem Schlagwerk (!) in die Stille vor ("Crucifixus"). Und wälzt schließlich das "Auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel" als ein effektvoll anschwellendes Crescendo über die Zuhörer. In Thielemann und den Auftrag gebenden Philharmonikern fand Widmann Interpreten, die seinen virtuos instrumentierten, aufwühlenden Gesang mit großem Engagement umsetzten.<BR><BR>In Brahms nachfolgender Erster (mit Widmanns acht Kontrabässen etc.) strich Thielemann das Schroffe, Wilde, Ungebärdige heraus, sodass die gesanglichen Elemente nahezu untergingen. Er inszenierte jede Abstufung, gestattete dem organisch sich Entwickelnden wenig Raum. Dunkle Streicherglut, Bruckner'scher Blechchoral und bezwingende Soli von Oboe und Horn beeindruckten trotz allen Überdrucks. Als unvorhergesehene "Zugabe" (für einen CD-Mitschnitt) erklang Beethovens Egmont-Ouvertüre. <BR></P>

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