AC/DC-Legende Malcolm Young ist tot

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Orchester-Tyrann

- Wie schon bei seiner Bruckner-Biografie suchte sich Wolfgang Johannes Bekh auch für sein Mahler-Buch einen abseitigen Ausgangspunkt. 1910, wenige Monate vor dem Tod des Komponisten und unter der übermenschlichen Last des Wissens um die Untreue seiner Frau Alma, traf er im holländischen Leiden einen Tag lang mit Sigmund Freud zusammen.

Sie kannten sich nicht, trotz ihrer gemeinsamen Basis in dem damals vor Geistesgrößen strotzenden Wien. Beiden war eine bewusste Unkenntnis über das gegenseitige Metier zu Eigen. Das Treffen erbrachte eine Analyse, übrigens im Umhergehen und als regelrecht bezahlte Konsultation. Nach 25 Jahren schrieb Freud darüber, er habe bei Mahler "viel ausgerichtet", aber "auf die symptomatische Fassade einer Zwangsneurose fiel kein Licht". Dann springt die Biografie in die Jugendzeit und folgt nun chronologisch dem Leben Mahlers flüssig und leicht lesbar und mit informativem Eingehen auf Nebenschauplätze wie Zeitströmungen.

Dass sich gleiche Gedankengänge und Formulierungen an mehreren Stellen wiederfinden, ist mit dem Umfang des Buches zu erklären, aber nicht zu entschuldigen. Ähnliches gilt für die sehr freie Gestaltungsweise mit den romanhaft, manchmal auch reportagehaft ausgeschmückten Episoden. Zu erwähnen ist die Fülle geschickt ausgewählter Zitate (sehr unterschiedlicher Provenienz).

Es ist einerseits anregend, wie Bekh Mahlers Werk unmittelbar aus dem Leben des Komponisten und dessen schwankenden Umständen heraus entstehen lässt; andererseits verkleinert es die autonome Einmaligkeit vieler Werke. Genau und umfassend ist die Behandlung der einzelnen Symphonien, wenn auch nicht eigentlich analytisch; sehr gut bei der Neunten und ihrem Umfeld als Vorstufe zur Neuen Wiener Schule. Zitate aber wie das von Sollertinskij, 1932, hätten sich - zumal unkommentiert - erübrigt: "Mahlers Symphonien sind unstreitig die bedeutendsten, die seit Beethoven geschaffen wurden."

Was nun die Mahler-Renaissance nach dem Zweiten Weltkrieg betrifft: Ganz sicher ging sie nicht erst von Viscontis Venedig-Film aus, aber wohl auch nicht von Kubeliks beispielgebender Gesamtaufnahme der Symphonien. Und erst recht nicht als Parallele zur steigenden Vorliebe für Klimt und den Jugendstil. Es war die Neugier auf bis dahin nicht Gehörtes als Folge auf rassistisch bedingte Abwesenheit, aber auch als Folge einer musikhistorisch nachweisbaren Wellenbewegung in der Bereitschaft zur Rezeption bestimmter Epochen.

Apropos Entstehungszeit: Bekh erhellt vielfach treffend die von Mahler in Wien vorgefundene Situation; auch unter Bezugnahme auf Schnitzler, mit dem Mahler die Ablehnung von Theodor Herzls Zionismus verband, und Stefan Zweig. Mahler stand in der geistigen Tradition des habsburgischen, deutsch dominierten Österreich. Es ist auch müßig, bei Mahler nach jüdischen Wurzeln seiner Musik zu suchen. Bekh schreibt ein eigenes Kapitel - "Der Fluch, ein Jude zu sein". Tatsächlich dachte Mahler in jungen Jahren so. 1895: "Mein Judentum verwehrt mir den Eintritt in jedes Hoftheater." Mahler hatte keine Beziehung zum rechtgläubigen Judentum; gleichwohl war die Taufe 1897 in Hamburg sicher nicht ausschließlich auf philosophisch-theologische Überzeugungen zurückzuführen.

Ausführlich geht der Autor auf Mahlers Charakter und dessen Einfluss auf seine Lebensumstände ein: der privat anspruchslose Mensch, der Tyrann vor dem Orchester; seine stete Neigung zur Exaltation; seine Zerstreutheit, "Abwesenheit", sein "Tick".

Intensiv und lebenslang unverändert war Mahlers Verhältnis zum verehrten Bruckner, seinem Lehrer; dem Mitschüler Hans Rott stand er nahe, aber nicht in der Realität: Rott war ein Hüne, Mahler von kleinem Wuchs und zappelig. Verwunderlich, in der Rückschau: Mahlers Freunschaft mit Gerhart Hauptmann und - nicht ungetrübt - mit Hans Pfitzner.

Die vulgäre Pauline

Und dann ist da noch ein ganz wichtiger Punkt: die Nähe oder Ferne zum vier Jahre jüngeren Richard Strauss. Die "Kühle im Wesen Straussens" machte Mahler zu schaffen, die gegenseitige Anerkennung war völlig unterschiedlich. Immerhin spielten sie gemeinsam Skat, besuchte das Ehepaar Strauss - im Auto - die Mahlers in Toblach, eine Episode, in der Bekh die Gattin Pauline auch recht vulgär reden lässt.

München wäre 1908 beinahe Mahlers fester Wohnsitz geworden, weil ihm die Stadt zusagte und weil "das Leben hier faktisch die Hälfte billiger ist als in Wien".

Die Vermeidung jeglicher Fußnoten lässt den Leser mitunter allein. Wenn man sich von dem Schrecken erholt hat, den die letzten Kapitel der Lebensbeschreibung bereithalten - die genauen (oder vielfach auch dazugedachten) Schilderungen von Almas Pflege des Todkranken, in Amerika, in Paris und auf der Fahrt nach Wien - behält man insgesamt das Bild eines ruhelosen, schwierigen, genialen Künstlers in stellenweise deutlich subjektiv geprägter Vergrößerung.

Wolfgang Johannes Bekh: "Gustav Mahler oder die letzten Dinge." Amalthea Signum Verlag, Wien, 528 Seiten; 39, 90 Euro.

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