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Kurz vor dem eigenen Tod stürzen sich die Geschwister Orest (Shenja Lacher) und Elektra ( Andrea Wenzl) noch einmal in ein Gemetzel.

Mörder, Tölpel, Träumer

„Orest“ im Residenztheater: Premierenkritik

München - Im Residenztheater ist Shenja Lacher in der Titelrolle die Sensation in David Böschs anregender „Orest“-Inszenierung. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Schnee rieselt auf wacklige Grabkreuze, eine weiße Silhouette erschlägt eine andere mit dem Beil. Christliche Symbole zusammen mit der antiken Geschichte vom Kriegsheimkehrer Agamemnon – das ist am Anfang der „Orest“-Aufführung ein verrutschtes Signal. Aber die ansonsten ästhetisch gelungene Video-Animation mit skizzenhaften Zeichnungen macht gleich mal deutlich, dass weder Regisseur David Bösch noch der klug planende Bühnenbildner Falco Herold die altgriechische Geschichte um Orest als ordentliche Heldensage aus dem Hellas vor vielen tausend Jahren erzählen wollen. John von Düffel hat den Mythos frisch angerührt aus den bekannten Zutaten. Das ist legitim, und seine Kollegen von einst taten das gleichfalls. Düffel zieht aus Sophokles’ „Elektra“ (die bekannteste Episode, gerade durch Richard Strauss’ Oper) den Anfang; aus Aischylos’ „Orestie“ nimmt er die „Totenweihe“ und endet mit einem Teil aus dem bei uns nie gespielten „Orestes“ von Euripides. Das neue Drama „Orest“ hatte am Samstagabend am Münchner Residenztheater seine Uraufführung.

Die Besetzung

Regie: David Bösch. Bühne: Falco Herold. Kostüme: Meentje Nielsen. Musik: Bernhard Moshammer. Darsteller: Shenja Lacher (Orest), Andrea Wenzl (Elektra), Sophie von Kessel (Klytaimnestra, Helena), Norman Hacker (Aigisthos, Menelaos), Valerie Pachner (Chrysotemis, Hermione).

John von Düffel pflegt in seinem Stück einen meist wohltuend gehobenen Ton, lässt die Erinnerung an den hohen Ton der antiken Werke mitschwingen. Dennoch ist alles einfacher, gerader, ohne üppige Sprachgirlanden. Auf die Härte kommt es ihm an, denn er kappt den versöhnlichen Ausgang sowohl von Aischylos als auch von Euripides. Sie lassen staatstragend das Rachegemetzel in zivilisierte Beziehungen münden. Der Regisseur folgt in seiner Inszenierung Düffel, greift freilich den Euripides-Schluss auf: aber nur als ironischen Epilog von Orest, dem keine Götter mehr beistehen und der deswegen noch schlimmer mordet als sein antiker Vorgänger. Bösch, der in München vor allem als Opernregisseur hervorgetreten ist, verschärft auf spannende Weise die zynische Ebene in „Orest“, macht aus Orest und seiner Schwester so ein Paar wie in Oliver Stones Film „Natural Born Killers“: Normale Leutchen rutschen wie von selbst in ein enthemmtes, sinnloses, sich ständig fortsetzendes Morden. Die in der Antike durchaus berechtigte Rache-Handlung ist Bösch unwichtig. So wie die Ebene des Heroischen auch. Der Blutrausch wird ins Zentrum gesetzt, der Wille zur Vernichtung.

Daneben steht schwächer die politische Ebene: Schließlich geht es in Argos um die Herrschaft, um die Nachfolge von Agamemnon, den Heerführer und Sieger von Troja. Deswegen kommt sein Sohn Orest wie ein Kriegsheimkehrer (unserer Tage) im langen, verdreckten Mantel nach Hause zurück. Grau und verkommen ist es auch dort. Selbst beim eleganten Königs-Pavillon à la Mies van der Rohe läuft der Schmutz über die Glasscheiben, die längst nicht mehr Transparenz signalisieren wollen. Vorhänge verhüllen meist das Drinnen. Da wo Aigisthos – er hat mit Klytaimnestra gemordet und regiert jetzt mit ihr – sie und Ziehtochter Chrysotemis (wie die Hermione von Valerie Pachner sehr aufrecht gespielt) vernascht. Draußen verbohrt sich ihre Schwester Elektra in ihren Hass auf alle außer den toten Papa Agamemnon und Hoffnungsträger Orest.

Norman Hacker gibt den Aigisthos als schleimigen Anzugträger, der übergriffig wird, weil er die Macht hat. Ein Alltagstyp von heute – nur dass er auf den Rächer wartet. Sophie von Kessel kann als Klytaimnestra die Schattierungen von Mörderin und Mutter, Königin und Liebender nicht beglaubigen. Daher wird der berühmte Schlagabtausch zwischen ihr und Tochter Elektra genauso wenig zum Höhepunkt des ersten Teils wie ihr Ringen um Gnade angesichts von Orests Beil im zweiten Teil. Ihr liegt mehr die alerte Realpolitikerin Helena, die sie im dritten Teil spielt. Bildschön und sich aus allem Unglück herauswindend – was die Inszenierung entgegen dem Text aber nicht zulässt. Hacker fühlt sich ebenfalls bei seiner zweiten Rolle wohler, dem Helena-Ehemann Menelaos. Er zeichnet ihn als sinistren Machtstrategen, der Orest und Elektra elegant in den Tod laufen lässt: Er muss sich die Finger nicht schmutzig machen, das Volk hat auf schuldig entschieden.

Die Handlung

Orest kehrt nach Argos zurück. Er will den Mord an seinem Vater Agamemnon rächen. Dessen Frau Klytaimnestra, Orests Mutter, hat den siegreichen Troja-Heimkehrer und König von Argos zusammen mit ihrem Geliebten Aigisthos ermordet. Denn Agamemnon hatte seine eigene Tochter, Iphigenie, für den Krieg geopfert. Elektra, eine weitere Tochter, ersehnt die Rache und treibt Orest gnadenlos in die Bluttat. Nach dem Muttermord wird der Sohn nicht nur von den Erynnien, Rachegöttinnen, verfolgt, sondern auch vom Volk angeklagt. Ihm und Elektra droht die Steinigung. Da kommen Onkel Menelaos und Gattin Helena, wegen der der Trojanische Krieg entbrannt war, in die Stadt. Sie sollen den Angeklagten helfen, tun aber nichts. Angestachelt von Elektra ermordet Orest Helena und Hermione, Menelaos’ Tochter. Elektra zündet den Palast an.

Das blutrünstige Anti-Paar daneben gestalten Andrea Wenzl und Shenja Lacher. Sie ist ein böser Kobold in Glitzerkleidchen und Springerstiefeln. Toll beweglich, aber zu eindimensional in ihrem pubertären Gemaule und im Vernichtungstrieb. Ein paar Nuancen mehr hätten sie, der Regisseur und der Dichter schon erarbeiten dürfen. Die Sensation des Abends ist hingegen der Orest des Shenja Lacher, dem man immer weiter hätte zuschauen mögen. Denn er lässt uns eine Facette nach der anderen entdecken zwischen Bübchen, Proll und Mörder, Tölpel und Träumer.

Nächste Vorstellungen: am 20. 9., 8. und 20. Oktober; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Simone Dattenberger

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