Die Geister, die er rief: Orfeos (Christian Gerhaher) Gang in die Unterwelt ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen Dämonen. Foto: hösl

Ein (Be-)Sonderling

"L’Orfeo" im Prinzregententheater: Kritik

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München - David Bösch inszenierte für die Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater „L’Orfeo“ mit Christian Gerhaher. Eine Premierenkritik

Bitten müssen sie ihn nicht lange. Das „Vi ricorda“ hat er schon oft gesungen, auf Feten, vielleicht auch auf Festivals. Der Sound, der Rhythmus, der Hüftschwung, all das zieht noch immer, erst recht auf seiner eigenen Hochzeit. Obgleich Orfeo im weißen Leinenanzug aus der Zeit gefallen scheint, hier unter all den Flippis und Hippies. Älterer Freund? Etablierter Schlagerstar? Auf jeden Fall ist der Mann anders, ein Er- und allen Entwachsener, ein Außenseiter, auch wenn er sich sofort das Mikro greift und auf den VW-Bus steigt. Und einige lange Sekunden grübelt man, ob Christian Gerhaher das alles wirklich so recht ist.

Doch der Lied-Künstler, der immer öfter auf der Opernbühne anzutreffen ist, wirft sich hinein. Es passt ja auch: Gerhaher fällt auf eine eigentümliche Weise aus dem Rahmen. Durch sein Spiel, besonders aber durch seinen Gesang, bei dem in einer einzigen Phrase so viel Welthaltigkeit mitschwingen kann, wofür andere eine ganze Aufführung brauchen. Einer, der eben ganz für sich steht. Ein (Be-)Sonderling.

Regisseur David Bösch nutzt das geschickt für Monteverdis „L’Orfeo“ im Prinzregententheater. Anfangs bangt man um diese zweite Premiere der Münchner Opernfestspiele. Bösch geht die Checkliste der Siebzigerjahre penetrant durch, Feiern, Saufen, Kiffen, alles inklusive. Die ersten 20 Minuten sind zu überdreht, doch das legt sich, weil bald klar wird: Der Gang des Sängers, der sich (auch selbstverliebt) in der Erde von Euridices Grab wälzt, ist keiner in die Unterwelt. Die Geister, denen er begegnet – Caronte im zerrupften Mantel, der gezierten Proserpina in funkelnder Sternenrobe, dem animalisch behaarten Plutone – sind seine. Und die hausen nicht unter der Oberfläche der Erde, sondern dicht unter der eigenen Schädeldecke.

Es spricht für David Bösch, Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (Kostüme), dass alles nicht zum billigen Kabinett des Dr. Freud wird. Dafür ist ihre Bildsprache zu poetisch, dafür geben sie zu sehr ihrem Spieltrieb nach. Große Blumen „wachsen“ aus der Erde Richtung Schnürboden, in der Unterwelt hängen die Seelen der Entschlafenen herab, deren Augen, ein toller Video-Trick, aufreißen, als sich Orfeo umdreht.

Eine Gefährtin hat Orfeo. Es ist La Musica, die – sehr beziehungsreich – zu La Speranza wird. Ein flugunfähiger Engel. Und eine Anspielung: Diesen Paar-Typ, er der Getriebene, sie die Vernünftige, kennt man aus „Hoffmanns Erzählungen“. Angela Brower gestaltet die Doppelpartie mit solch positiver Emphase, dass sich noch ein weiterer Gedanke aufdrängt: Da wäre durchaus eine hübsche Alternative für Orfeo drin.

Doch einen Ausweg, das signalisiert die düstere, nihilistische Szenerie, war nie möglich. Auch Gerhahers Gesang spiegelt das wider. Die Besetzung der Titelpartie mit einem Bariton ist nicht ungefährlich. Für die hohe Lage setzt er Kopfstimmenzärteln nur an wenigen Stellen ein. Zu hören ist meist anderes. Ein zutiefst Enttäuschter blickt hier in den Abgrund, ein latent Aggressiver, auch einer, der – wie in der Begegnung mit Caronte – Wirkung kalkuliert. Frappierend, wie Gerhaher manchmal Farben auf einem einzigen Ton ineinander gleiten lässt, wie er den Klang aus der Sprechstimme entwickelt. Wie bei ihm Gesang in seinen reichen Schattierungen das natürlichste, beredsamste der Welt sein kann. Und wie er manchmal heldisch zupackt: Gerhahers Stimme hat an Erz zugelegt – auch wenn man ihn (vorerst) vor den Großkalibern der Oper bewahren möchte.

Schwer dagegen zu bestehen. Am ehesten gelingt das Anna Bonitatibus. Wie sie als Proserpina und Messagiera schmerzliche Tonreibungen auskostet, das ist expressiver Barockgesang aus dem Stilhandbuch. Andrew Harris (Plutone) hätte mit seinem grobkörnigen, nachtschwarzen Bass besser zum Caronte gepasst (und zum schnarrenden Ton des Regals, einem alten Tasteninstrument), Andrea Mastroni bleibt da etwas unterbelichtet. Und dass Anna Virovlansky in der kurzen Partie der Euridice ihre Sopranreize nicht ausspielen kann, damit mussten schon andere kämpfen.

Bereits vor 15 Jahren stand Ivor Bolton am Pult beim vergangenen Münchner „Orfeo“. Naturgemäß wird die meiste Phrasierungsarbeit von den dazugekauften Spezialisten erledigt. Doch wie Bolton als liebenswerter Animateur und Koordinator aktiv ist, als Ermöglicher einer intensiven, nie zu detailverliebten Deutung, das hat man in München schwer vermisst. Prachtvoll in Form die Bläser (die Monteverdis Toccata anfangs von draußen schmettern), anfechtbar einige Streicher. Erfreuliche Gäste sind auch die Solisten der Zürcher Singakademie, die ebenso aufgekratzt spielen wie singen.

Mag Monteverdi auf Druck seiner Geldgeber ein positives Ende für den Mythos ersonnen haben: Orfeos Wiederkehr in die Realität ist bei Bösch ernüchternd. Vater Apollo (Mauro Peter mit exquisitem Tenor) ist ein Penner, der dem Sohn ein Messer für die Pulsader reicht. Und die ausgelassenen Teenies müssen mit ansehen, wie sich ein entfremdetes Paar gegenüber sitzt. Das Grab als Ausweg, und eine ergriffene, jubelnde Gala-Gemeinde als Reaktion auf einen berührenden Abend. Barock an der Bayerischen Staatsoper, das wurde mal wieder Zeit. Auch wenn dafür ein Intendant erst über seinen eigenen Schatten springen muss.

Weitere Vorstellungen am 23., 25., 27. und 30. Juli; Telefon 089/ 21 85 19 20.

Von Markus Thiel

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