Organisches Ganzes

- "Es ist mein Ziel, jedes Werk als lebendiges, organisches Ganzes entstehen zu lassen, und das ist natürlich unvereinbar mit den Work-in-progress-Ideen einiger meiner Kollegen. Was die spätere Umarbeitung eines Werks nicht ausschließt." Und hier zeichnet sich eine der wenigen Verbindungslinien zu einem Kollegen ab. 2003 erhielt Wolfgang Rihm, für die "Übermalungen" eigener Werke berühmt, den Siemens-Musikpreis. Nun wird wieder ein Komponist mit dem "Nobelpreis der Musik" geehrt: Henri Dutilleux. Die mit 150 000 Euro dotierte Auszeichnung erhält der 89-Jährige am 3. Juni in den Münchner Kammerspielen, dazu vergibt die Ernst von Siemens Stiftung eine ganze Reihe weiterer Förderpreise, insgesamt in Höhe von 1,35 Millionen Euro. Dabei werden unter anderem die drei Komponisten Michael van der Aa (Holland), Sebastian Claren und Pilipp Antz (Deutschland) geehrt.

<P>Dutilleux steht ein wenig am Rande der Avantgardisten-Zunft. Wahrscheinlich, weil er sich zur Tradition bekennt, sich als "Farbenkomponist" begreift, dabei Ravel und Debussy als Vorbilder nennt. "Seine Orchestrationskunst hat für mich immer noch große Bedeutung", sagte Dutilleux einmal zum Thema Ravel. "Und ich bereue es nicht, davon beeinflusst worden zu sein." Auch wenn er, wie er bekennt, viele eigene Frühwerke eben gerade deshalb verworfen habe.<BR><BR>Dutilleux, dieser allen Dogmen abgeneigte Tonkünstler, stammt aus dem französischen Angers. Er studierte am Pariser Konservatorium, arbeitete als Chorleiter und Pianist und verantwortete von 1944 bis '63 die Musikproduktion beim Rundfunk. Bis 1971 nahm er Lehraufträge an Universitäten wahr, um sich danach ganz seinem Werk zu widmen. Für ihn, den extrem Selbstkritischen, begann die Komponistenkarriere "offiziell" erst im Jahr 1948. Damals versah er, der nach eigenen Angaben "zu langsam" arbeitet, die von seiner Frau Geneviè`ve Joy uraufgeführte Klaviersonate mit der Opuszahl 1. Den Durchbruch schaffte Dutilleux elf Jahre später mit seiner zweiten Symphonie "Le Double" für das Boston Symphony Orchestra. Eine Symphonie, die er als "musikalisches Spiel der Spiegelungen und farblichen Kontraste" beschrieb.<BR><BR>Obwohl während seiner Tätigkeiten für Radio und Universität durchaus ein Rad im Getriebe des Musikbetriebs, stand er diesem stets skeptisch gegenüber. Was seiner filigranen, spirituellen Kunst einen großen Vorteil verschafft: Sie wird gehört - und kann, dank ihrer großen Suggestionskraft, auch nachvollzogen werden. Künstler wie Sergiu Celibidache, Daniel Barenboim und Simon Rattle nahmen Dutilleux' Werke immer wieder ins Programm. Werke, mit denen sich ihr Urheber von der Radikalität der Nachkriegszeit abgrenzte: "Die Epoche der seriellen oder postseriellen Musik erwies sich bald als ziemlich unangenehm. Eine Art ästhetischer Terrorismus setzte, von den Medien unterstützt, internationale Maßstäbe."<BR></P><P> </P>

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