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Der Glamour-Mann mit den teuflisch roten Schuhen: Cameron Carpenter (29) spielt am Freitag an der großen Orgel in der Münchner Philharmonie. foto: Ross

Orgel-Popstar Carpenter über seine Obsession

München - Er ist der Popstar der Orgel: Cameron Carpenter holt die Königin der Instrumente aus der Kirchen-Ecke.

Das weiße Hemd ist aufgeknöpft, auf den Schultern glitzern die Strass-Steine, die langen Insekten-Beine stecken in schwarzen Röhrenjeans, die Füße in hautengen, halbhohen spitzen Schuhen mit Lack-Applikation und kleinem Absatz. Das dunkle Haar ist kess gegelt. Sieht so ein Organist aus? Eher nicht. Die Herren, die auf Kirchenemporen thronen und Bach zelebrieren, wirken selten wie Popstars und sind meistens in Ehren ergraut.

Cameron Carpenter straft jedes Vorurteil Lügen: Der smarte 29-Jährige ist Organist, und was für einer! An diesem Freitag will er im Münchner Gasteig ein hier nie gehörtes Feuerwerk entfachen, die Orgel als „Königin der Instrumente“ neu inthronisieren. Nein, das nun auch wieder nicht: „Ein König hat 2011 keine Macht mehr. Meine Revolte zielt auf Demokratisierung. Ich will die Orgel visueller machen und sie dort spielen, wo die Leute sie hören wollen.“

Es war keine fromme Begegnung in einer beschaulichen Landkirche, die den Buben aus Pennsylvania mit dem Orgel-Virus infizierte. Es war eine bunte, schillernde, glamouröse Cinema-Orgel, die den Vierjährigen blendete und verführte. Sie verdrehte ihm den Kopf und tut es bis heute. „Natürlich habe ich zunächst nur mit den Händen gespielt, denn meine Beine waren viel zu kurz und reichten nicht bis zu den Pedalen“, sagt der Musiker lachend. Die Eltern stellten ihm ein Instrument in die Ofenbauer-Werkstatt des Vaters und schickten ihn in eine nicht religiös orientierte Boy-Choir-School, wo er als Knaben-Sopran wichtige Impulse empfing. „Ich durfte unter Charles Dutoits Leitung ein Solo in Honeggers ‚Jeanne d’Arc‘ singen. Ich stand mit großen Sängern auf der Bühne, war zum ersten Mal weg von zu Hause, entdeckte New York, die Philharmoniker. Das alles veränderte mein Leben. Ich konnte tagelang nicht sprechen. Und dann begann ich zu komponieren. Es war wie eine Obsession.“

Cameron Carpenter war elf Jahre alt und schrieb damals zu Kiplings „Dschungelbuch“ eine „Parade of the Camp-Animals“. Er studierte in North Carolina, dann an der New Yorker Juilliard School und startete 2006 die internationale Karriere. Schon als Jugendlicher an der High School, dann als Student machte er sich über große Werke her: Mahlers Fünfte musste es sein. „Ich wollte alles auf meinem Instrument spielen.“ Rund 200 Transkriptionen für die Orgel hat er bis heute geschaffen, aber mittlerweile wendet er sich von den Orchesterwerken („ihre Bearbeitung bedeutet meistens eine Reduktion“) ab und eher Klavierstücken zu. Übrigens hält Cameron Carpenter dem Klavier bis heute die Treue. Dennoch ist sein Markenzeichen die Orgel. Er möchte sie weiterentwickeln, möchte, dass auch die digitalen Orgeln, die seit den frühen Siebzigerjahren gebaut werden, seinem künstlerischen Anspruch genügen. „Viele digitale Orgeln imitieren die Pfeifenorgeln nur. Das reicht nicht.“ Zusammen mit der US-Orgelbaufirma Marshall aus Boston will Carpenter auch als Entwickler und Designer aktiv werden. Klang, Technik, Aussehen sind wichtig, und der Tausendsassa möchte, dass in einer modernen Orgel alles vereint ist: Barock-Klang und Kino-Sound, das ganze Spektrum ihrer in Jahrhunderten gewachsenen Möglichkeiten. „Die Orgel ist eine Welt“, schwärmt er. Seine Welt.

Zu der allerdings noch mehr gehört. Denn Carpenter ist auch ein Augenmensch. Nicht nur Orgelbänke hat er bis jetzt entworfen, sondern auch sein Glamour-Outfit trägt den eigenen Stempel. Vor allem die Schuhe. Ob weiß und funkelnd, dezent schwarz oder teuflisch rot - sie sind aus feinstem (Handschuh-)Leder gefertigt und haben eine biegsam-weiche Sohle, durch die man das Instrument spürt. Die kleinen Absätze („die sollen sogar noch etwas höher werden“) dienen dabei einem geradezu exzessiven Hacke-Spitze-Spiel.

Dass die Manuale mit fliegenden Händen bedient werden und Cameron Carpenter sämtliche Register zieht, ist selbstverständlich. Ob in Originalwerken von Bach oder Franck, in Transkriptionen oder in eigenen Kompositionen - der sprühende Amerikaner setzt die Orgel in Flammen. Eine Youtube-Kostprobe wird jeden Orgel-Muffel elektrisieren. Versprochen.

Gabriele Luster

Konzert am kommenden Freitag, 20 Uhr, in der Münchner Philharmonie; Karten unter Telefon 089 / 93 60 93.

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